AMOC und Windstress: Mögliche Erklärungen für den Kalten Fleck im Atlantik

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Verteilung globaler Temperaturanomalien im Monat September 2015 mit größter Ausdehnung des
Verteilung globaler Temperaturanomalien im Monat September 2015 mit größter Ausdehnung des "kalten Flecks" auf dem Atlantik , © NOAA.

Der Kalte Fleck beschäftigt jedermann seit einiger Zeit: Die Meteorologen, weil er sie völlig kirre macht, da er die Luftzirkulation über dem Atlantik durcheinander bringt. Die Klimatologen, weil sie sich (rhetorisch) prügeln, ob es sich um eine Schwächung des Golfstroms handelt oder nicht. Uns, weil von ihm und einem möglichen Golfstromausfall unser Kälte-Wohl und -Wehe der nächsten Jahrzehnte in der Todesglut der Klimakatastrophe abhängt. Und schließlich die Sofeten, die bisher laut lachend die Klimakatastrophe und damit ihren eigenen Selbstmord bejubelten und die nun fingernägelkauend befürchten müssen, dass trotz Klimakatastrophe Europa eine Eiszeit erwartet.

Ich bin bereits einige Male auf den Golfstrom und den seltsamen Kalten Fleck im Atlantik eingegangen. Zur Diskussionshistorie und Einführung empfehle ich noch einmal die entsprechenden Artikel:

Grundlagenartikel: Wann bricht endlich der Golfstrom ab?
These vom Golfstrom-Abbruch: Verwirrung um den Golfstrom
Gegenthese von Hitze durch Golfstrom-Abbruch: Der Golfstrom schwächelt und Deutschland versinkt deswegen in Hitze?

Mögliche alternative Erklärungen für den "Kalten Fleck" im Atlantik

Die Stimme Prof. Rahmstorfs ist eine gewichtige im Ringen um die Wahrheit über den Golfstrom - auch, wenn er oft im Visier der Klimaskeptiker steht. Seine Argumentation über eine belegte Schwächung des Golfstroms bereits seit den 1970er Jahren ist zwar strittig, wird aber heftig diskutiert und zeigt, dass man sich ernsthaft mit dieser Option in der Forschungswelt auseinandersetzt.

Doch sollten wir Pech haben und der "Kalte Fleck" im Atlantik ist überhaupt kein Indiz für eine Schwächung des Golfstroms, welche alternativen Erklärungen gibt es für diese Anomalie der zeitweise unfassbar kalten Wassertemperaturen des Atlantiks?
Blicken wir zunächst auf die Karten, um herauszufinden, ab wann sich der "Kalte Fleck" gebildet hat. Die NOAA zeigt bei ihren monatlichen Berichten der globalen Temperaturen, dass sich der Kalte Fleck erstmals Ende des Jahres 2013 zu bilden beginnt und seitdem stetig anwächst - allerdings lange Zeit schwankend (im Juli 2014 abnehmend, danach wieder deutlich zunehmend. Aktuell wieder abnehmend).

Zudem scheint sich die Temperaturanomalie der Wasseroberflächentempertemperaturen in Richtung Europa zu verschieben bzw. auszudehnen - möglicherweise war dies auch ein Grund, dass Ostfriesland vom Frühjahr bis zum Herbst* von den Höllentemperaturen des El Niño, unter dem vor allem Mittel- und Süddeutschland weit über die Erträglichkeitsgrenze litt, vollkommen ausgespart wurde (Prof. Rahmstorf vermutete bereits vor der Hitzewelle, dass sich die Abkühlungswirkung des Kalten Flecks auf die Küsten beschränke!).

Verteilung globaler Temperaturanomalien im Monat Dezember 2013 mit Entstehung des "Kalten Flecks" auf dem Atlantik, © NOAA.
Verteilung globaler Temperaturanomalien im Monat Dezember 2013 mit Entstehung des "Kalten Flecks" auf dem Atlantik, © NOAA.
Verteilung globaler Temperaturanomalien im Monat Oktober 2014 mit Ausweitung des "kalten Flecks" auf dem Atlantik, © NOAA.
Verteilung globaler Temperaturanomalien im Monat Oktober 2014 mit Ausweitung des "kalten Flecks" auf dem Atlantik, © NOAA.

Verteilung globaler Temperaturanomalien im Monat September 2015 mit größter Ausdehnung des "kalten Flecks" auf dem Atlantik , © NOAA.
Verteilung globaler Temperaturanomalien im Monat September 2015 mit größter Ausdehnung des "kalten Flecks" auf dem Atlantik , © NOAA.

Der Kalte Fleck ist höchst beeindruckend, wie er sich auf den Karten der NOAA entwickelt. Wenn es jemals eine Chance auf einen Abbruch des Golfstroms gab, dann jetzt, sollte man meinen.
Doch wie so oft entspricht die Wahrheit nicht einer solchen geradlinigen, übersimplifizierten These, sondern eher einem Labyrinth, in das wir uns jetzt begeben. Ich warne besser vor, denn inhaltlich ist dieser Artikel recht anspruchsvoll. Andererseits: Wenn Sie ihn verstanden haben, verstehen Sie auch viel mehr über den Golfstrom und letztlich über die Wahrheit, ob er ausfallen kann oder eben nicht.
Es gibt in diesem Fall (noch) keine einzelne Wahrheit oder Tatsache. Daher wird dieser Artikel so vorgehen, wie es jeder Wissenschaftler macht und PROBLEMATISIEREN. Das bedeutet: Das Problem wird Pro und Contra von allen Seiten begutachtet und die Argumente aufgeführt, ohne dass über eine finale Wahrheit entschieden werden kann. Denn aktuell kann das noch nicht einmal die Créme de la créme der Wissenschaftselite!

Die AMOC und der Salzgehalt: Schwächelt die Umwälzpumpe?

Der Golfstrom ist, wie im oben erwähnten Grundlagenartikel beschrieben, nur die Sammelbezeichnung für viele miteinander verbundene Strömungen, die tropische Wärme* aus der Karibik bis weit in den Norden transportieren.

Der Nordatlantikstrom als nördlicher Teil des Golfstroms ist der für uns relevante Teil. Und am Ende dieses Nordatlantikstroms geschieht dann das entscheidende, weswegen der Golfstrom als "Heizung Europas" bezeichnet wird und weswegen wir ihn am liebsten täglich verfluchen möchten: Das warme Wasser wird oben an der Oberfläche des Atlantischen Ozeans an die Luft abgegeben und verändert die Luftströmungen auf für uns verhängnisvolle Weise, dass wir warmes Wetter* größtenteils bekommen.
Aber: Das sich abkühlende Wasser sinkt ungefähr bei Island, wenn es auf den Strom vom Arktischen Ozean trifft, in die Tiefen des Atlantischen Ozeans und tritt wieder den Weg nach Süden an. Dieser Umwälzprozess am Ende des Golfstroms wird AMOC genannt: Atlantic meridional overturning circulation, übersetzt also etwa "Atlantisch-meridionale Umwälzungszirkulation".

Die Abschwächung des Golfstroms beruht allgemein in der Presse auf der nachvollziehbaren Vorstellung, dass sich durch das Schmelzwasser Grönlands, das im Feuer der Klimakatastrophe mehr und mehr wird, sich der Salzgehalt des Atlantiks abschwächt (Schmelzwasser ist Süßwasser und kein Salzwasser!). Die Folge: Die AMOC fließt langsamer, die Temperaturen kühlen sich an der Oberfläche ab.
Um das zu überprüfen, werfen wir einen Blick auf den Salzgehalt des Atlantiks südlich von Grönland. Ich habe mir die Mühe gemacht und mit Hilfe von den französischen Ozeanprofis von Mercator eine Animation gebastelt, die vom besagten Beginn des Kalten Flecks Ende 2013 bis heute reicht. Man richte seinen Blick oben auf das Gebiet süd/südwestlich von Grönland, dessen Spitze man oben sieht. Die Salinität müsste sich drastisch in den dunkelblauen Bereich verschieben, also absinken, sollte der kalte Fleck etwas mit der Salinität zu tun haben.
Gemessen wird die Salinität in 1000 Metern Tiefe, wo die AMOC-Umschichtungsprozess stattfinden und sich eine Abschwächung abspielen würde. Wer sich über die roten Anzeigen wundert: Das ist das Wasser des Mittelmeers, welches in den Atlantik strömt und hochgradig salzhaltig ist 🙂
Klick auf das Bild leitet weiter zur Animation (Regler ganz nach links schieben, dann gehts schneller mit der Einzeltagenabfolge. Anschließend auf "Start" klicken). Wenn das Laden direkt nach dem Klick länger dauert: Nicht ungeduldig werden, die Animationsdaten brauchen eine Weile.

(EDIT 17. August 2019: Leider ist die Seite nicht mehr in dieser Form vorhanden, da die Daten plötzlich nicht mehr bis 2015 zurückreichen. Auch scheinen die Daten nur noch lückenhaft auf 1000m vorzuliegen. Wer dennoch einmal die Animationen oder Bilder ansehen möchte, kann dies hier machen: Ocean Forecasts.)

Man sieht, dass der Salzgehalt zwar in 1000 Metern Tiefe bei Grönland sinkt, aber bei weitem nicht so, dass es ausreichen würde, um den Kalten Fleck zu erklären, zumal sich das Absinken der Salinität auf den Bereich im Südwesten von Grönland beschränkt, während der Kalte Fleck mittlerweile ja weit bis nach Europa reicht.
Dies passt zur These Prof. Rahmstorfs, dass das Schmelzwasser nur einen akzidentellen (nebensächlichen) Effekt hat, weil die Menge nicht ausreicht. Es müsste schon ein Schmelzwassersee entstehen mit Abermilliarden Litern, wie vor 60.000 Jahren, als im nordamerikanischen Becken genau dies geschah. Als der immer dünnere Eiswall brach, ergossen sich sturzartig unfassbare Mengen Süßwasser in den Atlantik und der Golfstrom brach abrupt ab für einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Dieses Szenario ist auszuschließen für unsere Epoche.
Statt dessen schreibt Prof. Rahmstorf auf der Seite des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK):

"In den Modellrechnungen wird der Nordatlantikstrom durch den Treibhauseffekt geschwächt - aber nicht durch das Abschmelzen der Polkappen, sondern hauptsächlich durch die Erwärmung des Oberflächenwassers und die Zunahme von Niederschlägen. Dazu kann noch ein (schwer abschätzbarer) Beitrag vom Grönlandeis und anderen Gletschern kommen. Das polare Meereis jedoch würde nur wenig zur Verdünnung des Nordatlantikwassers beitragen, selbst wenn es in den nächsten Jahrzehnten vollständig wegschmelzen würde - dazu ist die Meereisdecke mit 3-4 m Dicke einfach zu dünn, d.h. die Gesamtmenge an Meereis ist zu gering." (Quelle: PIK)

Allerdings, um die Verwirrung perfekt zu machen: Denkbar ist es dennoch, dass sich die wenn auch nur schwach abnehmende Salinität ursächlich sein könnte, da sie sich mit ihren Ausläufern mit dem Kalten Fleck letztlich deckt (siehe dazu diesen Beitrag im wz-Forum mit der Darstellung der Abweichungen der Salinität zu früheren Zeiten 2014 und 2015 im Vergleich: wz-Forum).

Fazit
PRO: Es ist denkbar, dass das Schmelzwasser Grönlands für den kalten Fleck verantwortlich ist, da sich beide Bereiche decken
CONTRA: Nach herrschender Meinung reicht die nur schwach abklingende Salinität nicht aus, um die AMOC so weit zu reduzieren, dass daraus der "Kalte Fleck" entsteht.

Erklärungen auf dünnen Beinen: der AMO-Index, Windstress, Jetstreamanomalie und Ozean-Erwärmung

Für die nach wie vor rätselhaften Temperaturanomalien auf dem Nordatlantik haben sich eine Menge Leute Gedanken gemacht und sind zu einigen Erklärungen gekommen, die ich abschließend vorstellen möchte.

Ozean-Erwärmung und der AMO-Index

Die AMOC wird durch Auftrieb des Wassers, aber auch durch Windbeeinflussung bestimmt. Zur genauen Wirkungsweise empfehle ich für Interessierte diesen englischsprachigen Artikel: The Encyclopedia of Earth - Atlantic meridional overturning circulation.

Wie auch Prof. Rahmstorf im obigen Zitat hinweist, scheint die Klimakatastrophe selbst den Golfstrom zu verlangsamen und eben nicht das Schmelzwasser.
Wie muss man sich das vorstellen?
Bekanntlich schluckt der Ozean derzeit noch (aber wohl bald nicht mehr lange) über 90% der in der Klimakatastrophe erzeugten Hitze. Dies führt zur in den globalen Klimaberichten der NOAA belegten Anstiegen der Ozeantemperaturen, die immer gravierender werden.
Diese Hitze stört offenbar die Funktionsweise der AMOC, sodass sich der Strom verlangsamt und weniger Hitze an der Oberfläche des Nordatlantiks abgegeben wird, die Oberflächenwassertemperaturen sinken - der kalte Fleck entsteht in den Anomaliekarten.

Was jedoch irritiert ist der entsprechende Index.
Der AMO-Index (Atlantische Multidekaden-Oszillation) weist aus, in welchem Zustand sich der Nordatlantik durch den Golfstrom befindet. Bitte nicht mit der AMOC verwechseln! Die AMOC ist wie oben beschrieben die Umwälzpumpe, bei der die Hitze des Golfstroms an die Luft abgegeben wird und das kalte Wasser in die Tiefe absinkt. Die AMO ist quasi ein Index für die Stärke des Golfstroms hinsichtlich der Wassertransportquantität.
Offenbar gibt es zwei Zustände des AMO-Index (kalt* und warm*), die sich alle paar Jahrzehnte regelmäßig abwechseln (daher "Multidekaden"). Man sollte meinen, dass die AMO aktuell eine kalte Phase zeigt. Seltsamerweise befindet sie sich aber seit den 1990er Jahren in einer positiven Phase!
In der kalten Phase verlangsamt sich der Golfstrom und offenbar auch die AMOC, wodurch der Nordatlantik kühler wird. In der positiven Phase beschleunigt sich der Wassertransport des Golfstroms und mehr Hitze wird im Nordatlantik frei mit dann höheren Wassertemperaturen.

Atlantische Multidekaden-Oszillation, 1856 bis 2013 (Quelle: Wikipedia nach Daten der NOAA).
Atlantische Multidekaden-Oszillation, 1856 bis 2013 (Quelle: Wikipedia nach Daten der NOAA).

Wie erklärt sich dieser Widerspruch?

Berechnung der AMO durch Abzug der SST (Ozeanwasseroberflächen)-Erwärmung, © <a href="https://climatedataguide.ucar.edu/climate-data/atlantic-multi-decadal-oscillation-amo" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Trenberth, Kevin & National Center for Atmospheric Research Staff (Eds). Last modified 29 Oct 2015. The Climate Data Guide: Atlantic Multi-decadal Oscillation (AMO). Retrieved from https://climatedataguide.ucar.edu/climate-data/atlantic-multi-decadal-oscillation-amo. - See more at: https://climatedataguide.ucar.edu/climate-data/atlantic-multi-decadal-oscillation-amo#sthash.4kC2KsZU.dpuf.
Berechnung der AMO durch Abzug der SST (Ozeanwasseroberflächen)-Erwärmung, © Trenberth, Kevin & National Center for Atmospheric Research Staff (Eds). Last modified 29 Oct 2015. The Climate Data Guide: Atlantic Multi-decadal Oscillation (AMO). Retrieved from https://climatedataguide.ucar.edu/climate-data/atlantic-multi-decadal-oscillation-amo. - See more at: https://climatedataguide.ucar.edu/climate-data/atlantic-multi-decadal-oscillation-amo#sthash.4kC2KsZU.dpuf.

Zum einen muss man wissen, dass der Einfluss der Klimakatastrophe mit deutlich steigenden Wassertemperaturen hier herausgerechnet worden ist! Insgesamt also steigen die Wassertemperaturen durch die Klimakatastrophe sowieso radikal an. Um den Einfluss des wärmenden Golfstroms im Nordatlantik zu beziffern, muss also diese "unnatürliche" Beeinflussung herausgerechnet werden, sonst wäre die AMO nicht mehr sichtbar und in einer Dauerwärmelage.
Dann müsste aber eigentlich erst recht der Atlantik einen "Heißen Fleck" und keinen "Kalten Fleck" aufweisen, wenn Klimakatastrophe und die positive AMO zusammenkommen ...

Die Erklärung: Die Klimakatastrophe selbst erhitzt den Ozean. OBWOHL sich der Golfstrom in einer positiven, also besonders wärmeerzeugenden Phase befindet, kommt es nicht zu einem Anstieg der SSTs (Oberflächentemperaturen des Ozeans) im Nordatlantik, sondern zum Gegenteil. Und zwar, weil diese übermäßige Hitze die Systematik der AMOC durcheinanderbringt. Sie überdreht aufgrund zu viel Hitze, könnte man vereinfacht sagen. Damit wird sie langsamer und der kalte Fleck bildet sich. Oder: Plus und Plus ergibt Minus. 😉

Alternativ könnte es sich natürlich auch um eine ganz kurzfristige, "natürliche" Schwankung handeln, wie man es auch in der Grafik der AMO ca. 1948 beispielsweise sieht. In dem Fall müsste der Kalte Fleck bald wieder verschwinden - und in der Tat schienen nach neusten Messungen die Temperaturen im Nordatlantik im Bereich des Kalten Flecks wieder zu steigen, bevor sie kürzlich wieder absanken. Die Frage bleibt also offen, ob die Klimakatastrophe die AMOC und so den Golfstrom verlangsamt, oder ob es sich um eine "natürliche" Schwankung der AMO handelt.

Um meine Worte bildlich zu veranschaulichen: Hier zunächst ein Verlauf der Temperaturanomalien im Bereich des Kalten Flecks auf dem Atlantik. Man sieht, wie seit dem Sommer die Kälteanomalie bis auf Null zurückgeht:

© Lewi Cowan, <a target="_blank" href="https://tropicaltidbits.com/analysis/">Tropicaltidbits.com</a>.
© Lewi Cowan, Tropicaltidbits.com.

Nichtsdestoweniger ist die Kälteanomalie nach dem nur kurzfristigen Anstieg jetzt Mitte November 2015 wieder sichtbar:

Kälteanomalie der Oberflächentemperaturen im Nordatlantik, Stand 12.11.2015, © Lewi Cowan, tropicaltidbits.com.
Kälteanomalie der Oberflächentemperaturen im Nordatlantik, Stand 12.11.2015, © Lewi Cowan, tropicaltidbits.com.

Übrigens: 1. Die AMOC habe sich seit 1990 sogar etwas gestärkt, meinen die Forscher - das würde zu der positiven Phase der AMO passen. Anders ausgedrückt: Wenn in einigen Jahren oder Jahrzehnten die AMO wieder negativ wird, könnte sich dieser Effekt noch zum Kalten Fleck hinzugesellen und möglicherweise die AMOC und somit den Golfstrom im Nordatlantik noch weiter radikal verlangsamen. Bis zum Abbruch? Man weiß es nicht. Rein rechnerisch dauert ein Zyklus 30 Jahre. Die positive Phase begann 1990, also müsste um etwa 2020 die AMO wieder negativ werden ...

2. Möglich ist auch, dass der Kalte Fleck einen vorzeitigen Wechsel von der positiven in die negative AMO anzeigt, wenngleich dies doch arg verfrüht käme.

3. Schließlich käme als dritte Option der Gedanke ins Spiel: Wenn die AMOC durch übermäßige Hitze (Klimakatastrophe + positive Phase der AMOC) übersteuert und dadurch ausfällt, könnte der Rückfall in die negative Phase der AMOC ab ca. 2020 die Hitze reduzieren, das Überdrehen verhindern und den Kalten Fleck durch eine Normalisierung der AMOC wieder verschwinden lassen.

Fazit
PRO: Es ist denkbar, dass die Klimakatastrophe die AMOC schwächt und den AMO-Index mit einiger Verzögerung auch schwächen wird, obwohl er sich momentan noch in einer positiven, also warmen und starken Zuströmphase befindet. Der Kalte Fleck im Atlantik müsste sich dann vermutlich weiter ausdehnen.
CONTRA: Es könnte sich nicht um eine Folge der Klimakatastrophe oder des Schmelzwassers handeln, sondern um eine natürliche Schwankung des AMO wie schon vor der Klimakatastrophe. Der Kalte Fleck im Atlantik müsste dann nach Abklingen der Schwankung verschwinden.

Windstress und die Jetstreamanomalie

Es gibt eine Argumentation, nach der der "Kalte Fleck" überhaupt nichts mit der Klimakatastrophe zu tun habe. Statt dessen führen die Befürworter den sog. "Windstress" an.
Man kann sich das vereinfacht so vorstellen, dass kalte und vor allem starke Winde über den Atlantik streichen. Der Ozean ist kein wendiges Sportauto, sondern eher ein Supertanker mit seinen Wassermassen. Luft und Oberflächenwasser stehen immer in einer engen Verbindung. So wie erwähnt die AMOC das warme Wasser des Golfstroms an der Oberfläche an die Atmosphäre abgibt und das Wetter* beeinflusst, das mit der Westdrift zu uns gelangt, so können umgekehrt Winde auch Einfluss auf die Oberflächentemperaturen des Atlantiks nehmen und nach dieser Argumentation zu dauerhaften Kälteanomalien wie den "Kalten Fleck" führen.

Tatsächlich führt die Jetstreamanomalie (mehr dazu) zu einer Zunahme von Trögen, also windreiche, kalte Luftmassen, vor allem auf dem Atlantik, wie man in der uns bereits bekannten Grafik der Tage mit mäandrierendem Jetstream sieht (58% Zunahme im Juli-August-September und sogar 70% im Oktober-November-Dezember!):

Ab- und Zunahme der Tage mit wellenförmigen Jetstream 1990-2013, 1995-2013 und 2000-2013, © Jennifer A Francis and Stephen J Vavrus, Evidence for a wavier jet stream in response to rapid Arctic warming, 2015.
Ab- und Zunahme der Tage mit wellenförmigen Jetstream 1990-2013, 1995-2013 und 2000-2013, © Jennifer A Francis and Stephen J Vavrus, Evidence for a wavier jet stream in response to rapid Arctic warming, 2015.

Wir sehen in der Tabelle für den Atlantik Rekordzunahmewerte!
Tröge führen arktische Kaltluft mit sich und würden beim Streichen über den Atlantischen Ozean ebenfalls die Temperaturen sinken lassen. Es erscheint jedoch fraglich, ob die Zunahme von Trögen auf dem Atlantik ausreicht, um den Kalten Fleck und vor allem seine relative Beständigkeit zu erklären.

Im WZ-Forum finden sich jedoch auch Anhänger dieser Theorie, die Windstress in kausale Verbindung setzen mit Abkühlungen der SSTs (Ozeanoberflächentemperaturen, Sea Surface Temperature), vor allem weil er bei Grönland verstärkt aufträte:
Anhänger einer Windstress-Argumentation: http://www.wzforum.de/forum2/read.php?6,3068904,3073446#msg-3073446
Belege: http://www.wzforum.de/forum2/read.php?6,3068904,3074473#msg-3074473

Hier ein Beleg, der sich inzwischen beseitigt hat. Demnach würde eine positive NAO zu Westwind und damit zu nordostkanadischen Kältevektoren führen, die den Kalten Fleck hervorrufen: http://www.wzforum.de/forum2/read.php?6,3068904,3074713#msg-3074713
Die NAO ist im Sommer monatelang negativ gewesen. Die Kälteanomalien des Kalten Flecks haben sich in dieser Zeit sogar noch intensiviert. Nur wenn man eine dreimonatige Verzögerung annähme, würde das mit viel Mühe argumentativ passen, überzeugt letztlich aber nicht.

Die Gegenmeinung (http://www.wzforum.de/forum2/read.php?6,3068904,3074767#msg-3074767) tippt eher auf eine Abschwächung und Verlagerung des Labradorstroms, die dem Golfstrom "in die Seite fährt".

Fazit
PRO: Der Kalte Fleck könnte sich aus Windstress auf dem Atlantik, teilweise hervorgerufen durch Jetstreamanomalien ergeben und wird wieder abklingen.
CONTRA: Windstress kann nicht den schon seit Ende 2013 bestehenden Kalten Fleck erklären, sondern nur eine gravierende Schwächung (Dichte des Wasser, also Salinität, Verlagerung von Teilströmen des Golfstroms) könnte die beobachtete Anomalie hervorrufen. Der Kalte Fleck wird demnach bestehen bleiben und vermutlich sich ausweiten und verstärken.

Ergebnis: Hochspannend, völlig unklar und die eine mögliche Erlösung von der Klimakatastrophe bleibt bestehen!

Insgesamt sehen wir also, dass der Ausfall des Golfstroms keine todsichere Zukunftsgarantie ist, sondern im Gegenteil hochspekulativ.
Dass der Kalte Fleck im Atlantik absolut ungewöhnlich ist, erscheint jedem offensichtlich angesichts der Karten. Doch wie sich dieser Fleck weiter entwickelt, hängt davon ab, welche Ursachen zugrundeliegen.
Da wir diesbezüglich zwar viele Theorien haben, die sich alle für sich schlüssig anhören, sind wir auf die üblichen Systematiken und Hilfen angewiesen, die jeder Wissenschaftler anruft: Neugier und Zeit. Das Tröstliche ist zudem, dass der "Kalte Fleck" selbst durch seine Entwicklung uns ohnehin das Ergebnis am Ende weisen wird: Entweder er verschwindet wieder oder er wird stabiler. Dann ist nur noch das nachträgliche Auffinden der Gründe möglich, dafür aber auch einfacher, weil sich bestimmte Theorien durch die Entwicklung des Kalten Flecks selbst negiert haben. Solange aber bleibt er eine definitive Hoffnung auf eine zeitweilige Erlösung von der Klimakatastrophe - wenn auch nur für Europa, das durch den Golfstrom seit Jahrtausenden schon ein für seine geografische Lage "unnatürliches" Klima* aufweist.

Relevante Artikelsammlung

FAZ erklärt die AMOC: http://www.faz.net/aktuell/wissen/klimawandel-der-golfstrom-schwaechelt-13501332.html

WZ-Forum. Beginn der Diskussion um den Kalten Fleck, am besten via "nächster Beitrag" am Ende jedes Postings weiterblättern, um die gesamte Diskussion zu verfolgen: http://www.wzforum.de/forum2/read.php?6,3068904,3073295#msg-3073295

Erklärung der AMOC (englischsprachig): http://www.eoearth.org/view/article/150290/





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