Der erste Kipppunkt fällt: Ozeane und Seen sind am Ende

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Rostende Schiffe auf dem ausgetrockneten Aralsee, © Zhanat Kulenov auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0 IGO, hier: Ausschnitt verwendet, Schärfe erhöht.
Rostende Schiffe auf dem ausgetrockneten Aralsee, © Zhanat Kulenov auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0 IGO, hier: Ausschnitt verwendet, Schärfe erhöht.

Just wurden die Zahlen der globalen Erwärmung für 2015 veröffentlicht, da deuten sich im klimatischen Fernglas immer deutlicher die ersten großen Opfer an.
0,90 Grad Erwärmung und die Ozeane und Seen sind am Ende!
Wie ich des öfteren andeute, besteht das Gefährliche an der Klimakatastrophe darin, dass sie eben nicht beruhigend gleichmäßig verlaufen, sondern bei Erreichen bestimmter "klimatologischer Kipppunkte" (siehe auch Darstellung des PIK: https://www.pik-potsdam.de/services/infothek/kippelemente) in beängstigenden Sprüngen erfolgen wird. Der El Nino 2015/16 ist bereits ein solcher, nennen wir es einmal "zeitlich mobiler" Kipppunkt, der immer wieder auftaucht und die Welt in Brand setzt. Es wird sogar befürchtet, dass er einen Dauerzustand annehmen könnte.
Nun hat dieser Kipppunkt und die fortschreitende Erwärmung durch Treibhausgasemissionen dazu geführt, dass mit den Ozeanen und allen voran mit den Seen der nächste Kipppunkt zu fallen scheint und die Menschheit auf dem Weg in ihr eigenes Grab eine weitere Treppenstufe voranschreitet.

(1) Versauerung, Korallensterben, Todeszonen: Die Grenze der Kohlendioxidspeicherung der Ozeane ist erreicht

Wärme* in dem Maße, wie die Menschheit an der Atmosphäre herumpfuscht bedeutet: Massensterben! (Warum Wärme das Leben erstickt). Die Ozeane reagieren extrem sensibel auf die Erhöhung der Temperatur. Obwohl sie von den Zahlen sich fast nur halb so stark erwärmen wie die Kontinente, sind die Folgen deutlich gravierender, was das Leben in den Weltmeeren und Seen angeht:

Wo wird der Großteil der Hitze (meist in Form von Kohlendioxid und Methan) der Klimakatastrophe abgelagert?; © <a target="_blank" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:GW_Components_500.jpg">Skeptical Science auf commons.wikimedia.org</a>, Lizenz: <a target="_blank" href="http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.en">CC BY 3.0</a>.
Wo wird der Großteil der Hitze (meist in Form von Kohlendioxid und Methan) der Klimakatastrophe abgelagert?; © Skeptical Science auf commons.wikimedia.org, Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.en.

1. Das CO2, das in die Weltmeere gelangt und dort gespeichert wird, erhöht den Säuregrad des Wassers. Schon geringfügige Änderungen haben katastrophale Folgen.

2. Je mehr Wärme*, desto weniger Sauerstoff. Diese Regel führt neben der Versauerung zu einem weiteren, fatalen Wirkungskreislauf, der das Leben universell bedroht.

3. Die Folge: Meereslebewesen mit kalkhaltigen Exoskeletten wie beispielsweise Korallen sterben in Massen.

4. Weitere Folge: Vor allem im Sommer führt der durch die dann extremen Temperaturen immer größer werdende Sauerstoffmangel zu sog. "Todeszonen" im Ozean, in denen alles Leben stirbt.

5. Der Mensch ist nicht losgelöst von den Ereignissen im Ozean und in den Seen: Wenn dieser Kernbestandteil der Nahrungskette zusammenbricht, wird es auch beim Menschen durch die vielfältigen Auswirkungen und durch das Wegbrechen von Nahrungsmittelquellen hunderte Millionen Hungertote geben.

Dass bereits jetzt die Ozeane einen Sprung sowohl bei den Temperaturen (siehe die globalen Klimaberichte) wie auch bei der Versauerung aufweisen, deutet darauf hin, dass die Ozeane am Ende ihrer Belastung angekommen sind und als erster Klimatologischer Kipppunkt gelten können, der umkippen wird und über die Freisetzung gigantischer Mengen von Methan (30 mal klimaschädlicher als CO2) die Klimakatastrophe befeuern und beschleunigen wird.

Globale Temperaturentwicklung Ozeane im Monat Januar. Auffällig ist die stete Steigerung in den letzten Jahren, © NOAA.
Globale Temperaturentwicklung Ozeane im Monat Januar. Auffällig ist die stete Steigerung in den letzten Jahren, © NOAA.

Die Seen sind im Grunde dabei nur Ozeane im Kleinen und deutlich stärker betroffen. Dass auch dies, ebenso wie die Eisschmelzratenerhöhung durch "Schwarzes Eis" die Wissenschaftler "überrasche", belegt meine These, dass das wirkliche Ausmaß der Klimakatastrophe auf unfassbar naive Weise massiv unterschätzt wird.

Der Meeresbiologe Hans-Otto Pörtner warnt mit erschreckenden Worten: Die Meere sind am Ende (Spektrum.de).

(2) Lago Poopó in Bolivien: Ein See verschwindet innerhalb von 2 Jahren

Ein Fallbeispiel für die Auswirkungen der Klimakatastrophe zum gegenwärtigen Stand einer planetenweiten Erwärmung von 0,90 Grad ist oder genauer gesagt war der Lago Poopó in Bolivien.
Noch 1986 war der See gut gefüllt und Lebensgrundlage für die Fischer und Einheimischen vor Ort und Lebensraum von vielen Flamingos.

Im Vergleich: Der Poopo-See im Jahre 1991 und ...
Im Vergleich: Der Poopo-See im Jahre 1991 und ...

Die Klimakatastrophe ließ den See immer mehr versanden. Hinzu kamen menschliche Umweltsünden wie das Umleiten von Wasser für den Bergbau sowie die besondere Trockenheit in den Anden, die den Vorgang beschleunigten.
1994 war der See bereits schon einmal beinahe ausgetrocknet, nun ist es soweit, dass er offiziell als verloren gilt, sich nicht mehr regenerieren kann und von der Erde verschwunden ist.

Dieser Vorgang gilt als wegweisend für die kommenden Jahrzehnte, in denen die Klimakatastrophe ja ungebremst weiter ansteigt, sodass wir für viele Seen auf der Welt, auch in Deutschland eine ähnliche Entwicklung annehmen müssen.
Noch einmal: Man muss diesen Vorgang richtig einschätzen. Normalerweise bedarf es mehrerer hundert oder tausend Jahre, bis auf natürliche Weise ein See verschwindet. Der Mensch mit seinen Auswirkungen und die vom Menschen initiierte Klimakatastrophe vernichten somit Lebensraum im Zeitraffer und allein dieser zeitliche Aspekt sollte jeden aufschrecken, der gebildet genug ist, um sich zu transzendieren und die geologischen Zeitrahmen und die heutigen Ereignisse zu korrelieren und die Schlüsse daraus zu ziehen.

... im Januar 2016.
... im Januar 2016.

Mit anderen Worten, um das nochmals zu verdeutlichen: Wenn man in einem Buch liest "Der See ist vor 20 Millionen Jahren verschwunden", dann nickt man und glaubt zu verstehen. Seen verschwinden, das kommt vor in der Klimageschichte. Wer jetzt nicht weiter nachdenkt, hält auch das Verschwinden des Lago Poopó für ein natürliches Phänomen. Ist es aber nicht. Weil der besagte hypothetische See im Buch vor 20 Millionen Jahren innerhalb von 100.000 Jahren verschwand durch eine allmähliche Verlandung. Wenn der Lago Poopó innerhalb von nur 30 Jahren verschwindet, ist das ein Faktor, der um das 3000fache schneller geschah. Das sollte zu denken geben.
Und selbst wenn es sich um Verlandung eines Sees durch kriminelle menschliche Eingriffe wie beim Aralsee handelt, wo Russland durch Wasserableitung für die Landwirtschaft eine beispiellose ökologische Katastrophe herbeigeführt hat: Wo ist der Unterschied? Der Mensch und die Klimakatastrophe gehören zusammen und bedingen sich. Ob ein See durch die Klimakatastrophe oder direkt durch den Menschen vernichtet wird, macht keinen Unterschied.

ARTIKEL
Fotostrecke: Boliviens zweitgrösster See verschwindet (Spiegel Online).
Wie der Salzsee in den Anden zur Wüste wurde (Welt.de).

(3) Das Mittelmeer steht vor dem Kollaps

Letztlich ist es nicht nur irgendein bolivianischer See, der vor dem Verschwinden steht, sondern sogar das Mittelmeer ist massiv bedroht: Doppelte Gefahr für das Mittelmeer (Scinexx.de).

2015 erhitzte sich das Mittelmeer durch die Hitzekatastrophe auf über 30 Grad Celsius. Ein Fischsterben war die Folge: Ein Fischsterben war die Folge: Toskana - Zwei Tonnen tote Fische in drei Tagen (DiePresse.com). Für die kommenden Jahre und Jahrzehnte rechnet man logischerweise mit einem weiteren Anstieg der Hitze - immerhin sind die Italiener nicht so dämlich wie sofetische Deutsche und wissen um die Gefahr von Hitze: Italien klüger als Deutschland: Hochs bekommen Namen aus der Hölle.

Die Austrocknung des Mittelmeerraums mit Verlandung des Mittelmeeres und der Desertifikation der Landflächen ist bereits Forschungsgegenstand. Es gab in der letzten Warmzeit eine vergleichbare Entwicklung, die sog. "Messinische Salinitätskrise". Ob es wirklich Millionen Jahre dauert, bis sich diese Entwicklungen zeigen, darf angesichts der aktuellen Entwicklungen stark bezweifelt werden. Artikel Wikipedia: Messinische_Salinitätskrise.

Man könnte übrigens die Liste auf globalen Maßstab beliebig erweitern. Mit anderen Worten: Alle Seen der Welt sind bedroht und unterliegen bedenklichen Entwicklungen die rasend schnell vonstatten gehen. Als weitere Beispiele seien an dieser Stelle nur die Seen Chinas (Scinexx.de: Chinas Seen schwinden dramatisch) und das Tote Meer (Zeit.de: Und plötzlich reißt der Boden auf) und der Aralsee (N-TVde: Aralsee nahezu vollständig ausgetrocknet) genannt.

(4) Deutschlands Seen extrem gefährdet

Deutschland ist ein Teil der Welt, der besonders im kontinentalen Bereich abseits der Küsten ein Zentrum der Klimakatastrophe darstellt. Vor allem die kleinen Seen Deutschlands befinden sich in einem dramatischen Zustand, der Jahr für Jahr schlimmer wird (Deutschlandradio: Der Kampf ums Wasser in Brandenburg).

Sogar im kühlen Nordosten Deutschlands haben Wissenschaftler den Stechlinsee bereits in Zeiten untersucht, als die Klimakatastrophe nur ein Gerücht war. Sie haben bis heute eine Erwärmung von 1,5 Grad im Jahresmittel gemessen und darüber hinaus im Sommer eine solch starke Erwärmung, dass die Lebewesen im See durch Sauerstoffmangel sterben und sich die Mikroorganismen verändern, wie man es von "umgekippten" Flüssen kennt. Die gleiche Entwicklung ist ab einem bestimmten Punkt der Erderwärmung in gewaltigem Maßstab auch in den Ozeanen zu erwarten, was stets in der Erdgeschichte der Grund für die im Ozean noch höheren Massentodesraten bei Artensterben war (beispielsweise im Perm vor 250 Millionen Jahre ca. 80% Artensterben an Land, 97% im Ozean).
Ökologisch gesunde Gewässer können mit den Extremtemperaturen und dem Wegfall des für die Sauerstoffanreicherung wichtigen Wintereises besser umgehen als bereits durch menschliche Eingriffe geschwächte Seen.

ARTIKEL
Seelabor.de: Seen im Klimawandel.
Generelle Auswirkungen der Klimakatastrophe auf Deutschland: Wie und wo der Klimawandel Deutschland trifft (Welt.de).
Scinexx.de: Klimawandel trocknet Seen aus.

(5) Methan, Trinkwasser, Desertifikation: Ohne Seen droht der erste galoppierende Hitzesprung

Die Seen der Welt werden bei der fatalen Entwicklung der Klimakatastrophe oft vernachlässigt, weil sie einzeln betrachtet ein vermeintlich zu vernachlässigenden Faktor darstellen.
Weit gefehlt! Das Süßwasservolumen aller Seen wird auf 125.000 Kubikkilometer geschätzt. Alle Flüsse der Welt kommen dagegen nur auf 1.200 Kubikkilometer.

Schema der Salz- und Süßwasserverteilung auf der Erde.
Schema der Salz- und Süßwasserverteilung auf der Erde.

Die Folgen der Klimakatastrophe für die Seen sind damit eindeutig: Verdunsten die Seen wie oben dargestellt, da sie sich deutlich schneller erwärmen als der Erwärmungsgrad der Klimakatastrophe, dann geht uns Menschen das wichtigste Süß- und Trinkwasserreservoir verloren.
Mit den Seen hängt auch das Grundwasser zusammen, da sich aus dem Abfluss aus den Seen auch das Grundwasser erneuert, das in Europa ohnehin im weltweiten Vergleich nicht sonderlich groß ist. Gleichzeitig erhöht sich der Meeresspiegel und das ungenießbare Salzwasser "frisst" Land und damit auch nutzbare Ackerflächen, die für die stark ansteigende Weltbevölkerung dadurch schwinden anstatt anzuwachsen.
Hinzu kommen die Süßwasserreservoire der Gletscher, die aktuell in Rekordzeit abschmelzen. Ein Großteil des Gletschersüßwassers geht dabei wie in der Antarktis und in Grönland durch Abfluss in die Salzwasser-Ozeane für immer verloren und verschärft somit die Trinkwassersituation der Menschheit noch dramatischer.

Karte mit von Desertifikation (Wüsten) bedrohten Gebieten.
Karte mit von Desertifikation (Wüsten) bedrohten Gebieten.

Die beobachtbare Austrocknung der Seen ist auch Teil einer sich ausweitenden Desertifikation. Ohne Seen ist der Boden angreifbar für Erosion, die in der Klimakatastrophe immer stärker vonstatten geht. Ohne Wasser nimmt zudem auch die Bepflanzung ab, die die Bodenoberfläche gegen Erosion schützt - es kommt zu einem verhängnisvollen Kreislauf.

Nicht genug dieser Gefahren ist die gefährlichste von allen jedoch eine, die den meisten Menschen gar nicht bewusst ist: Durch die Erwärmung von Seen werden riesige Mengen des Treibhausgases Methan in die Atmosphäre entlassen. Wissenschaftler schätzen, dass die Seen im hohen Norden bis 2100 bis zu 50% mehr Methan erzeugen und dadurch die Klimakatastrophe beschleunigen.
Verdunsten Seen, würde dies zwar die Methanproduktion beenden, aber dafür die Desertifikation fördern und das für die immer schneller anwachsende Menschheit eminent wichtige Trinkwasser und den Grundwasserspiegel reduzieren. An diesem Beispiel erkennt man, wie sehr die Menschheit auf eine Erde im (kühlen) Gleichgewicht angewiesen ist: Jede Veränderung solchen Ausmaßes wie momentan durch die Klimakatastrophe erzeugt einen Lawineneffekt, der mit der Zeit immer größer wird und sich am Ende in der Summe auf alles um uns herum auswirken wird, inklusive uns selbst. Bis wir selbst Fischen gleichen, die auf dem vertrockneten Land in der gleißenden Sonne* nach Luft schnappen. Oder nach Wasser.

Anstiegsrate des Treibhausgases Methan (CH4), Messstation Mauna Loa, © NOAA.
Anstiegsrate des Treibhausgases Methan (CH4), Messstation Mauna Loa, © NOAA.

Insofern sind die Seen ein Teil eines ersten klimatologischen Kipppunktes, da sie sich deutlich stärker erwärmen als die Klimakatastrophe Land und Ozeane befeuert. Es ist ein Dominostein, der fällt und dann durch seine Steigerung der Klimakatastrophe (Methanausstoss, Desertifikation) einen Schub verpasst, damit der nächste Dominostein fällt und nach und nach alle weiteren. Menschen, die heute noch glauben, dass es nur eine Hitzeschwankung ist, die wieder vergehen wird, werden ungläubig vor sprunghaften Entwicklungen und Katastrophen stehen und es nicht glauben wollen, was mit der Erde, den Menschen und ihnen selbst passiert.

ARTIKEL
Scinexx.de: Arktis: Seen als Methanschleudern.
Greenpeace: Klimawandel verstärkt Wüstenbildung (PDF).

Irgendwann werden statt Booten und Seen nur noch Fußabdrücke in verlandeten Seen zu sehen sein, die sich mit Salzkristallen füllen, als Zeugen einer Suche der Menschen nach Wasser, das sie ohne Gehirn und Verstand verschmutzt und verschleudert haben, damit offenbar die nachfolgenden Generationen verdursten und in der endlosen Hitze einer desertifizierten Welt leiden.

Fussabdruck mit Salzkristallen am verlandeten See Lake Poopo in Bolivien.
Fussabdruck mit Salzkristallen am verlandeten See Lake Poopo in Bolivien.

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