Gibt es mehr oder weniger Vulkanausbrüche durch die Klimakatastrophe?

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Mit der in einen galoppierenden Zustand übergehenden Klimakatastrophe stellt sich die spannende Frage, ob es mehr oder weniger Vulkanausbrüche geben wird.
Mit der in einen galoppierenden Zustand übergehenden Klimakatastrophe stellt sich die spannende Frage, ob es mehr oder weniger Vulkanausbrüche geben wird.

Oftmals liest man Schlagzeilen, dass die Klimakatastrophe zu mehr Vulkaneruptionen* führe. Leider beschränkt sich meist der Inhalt eines solchen Artikels auf den Informationsgehalt der Schlagzeile. Wer nach dem Merkelschen Passivitätsimperativ nun das Denken einstellt und jasagerisch nickt, mag sich damit zufriedengeben, nicht die Wahrheit zu entdecken.
Da KALTWETTER.DE jedoch bekannt ist für seine wissbegierigen Leser, wollen wir ganz entgegen dem Mainstream der deutschen Gesellschaft einmal den Vulkanen auf den Zahn fühlen.

Vulkane und Eis, Feuer und Wasser - Potential für Eruptionen

Beschreitet man den oft vernachlässigten und missbrauchten Weg des "gesunden Menschenverstandes", so ist es recht einfach, auf die Idee zu kommen, dass Eis und Eispanzer zu mehr Vulkaneruptionen führen könnten.
Warum? Weil die Eispanzer die Kontinente regional mit einem massiven Gewicht belasten und der logische Folgeschritt zur Dichterhöhung im Erdboden nicht schwer ist.

Tatsächlich ist diese Theorie allgemein anerkannt, wenn auch nur schwer belegbar, da die Vulkanausbruchs-Informationen aus den Eisbohrkernen mit Nachweisen von Schwefel und Asche zum einen nicht repräsentativ sind und nur bestimmte Regionen umfassen und dann auch noch fehlerlastig sein können - in Zeiten geringen Schneefalls setzen sich die Vulkan-Indikatoren ebenfalls in geringerer Menge ab, was zu Fehlschlüssen führen kann.
Man geht jedoch davon aus, dass sich in Eiszeiten bei der Bildung von Gletschern und Eispanzern die Anzahl der Eruptionen global erhöht, wenn auch nicht die Häufigkeit der explosiven Eruptionen.

Gleich und Gleich gesellt sich ungern? Vulkane in einer überhitzten Welt

Im Umkehrschluss sollte man eigentlich davon ausgehen, dass in einer Welt, die sich wie unsere unkontrolliert erhitzt, die Vulkanaktivität abnehmen sollte.
Diese Schluss ist jedoch trügerisch, wobei die Lösung im Detail liegt.

"... haben Wissenschaftler seit Jahrzehnten postuliert, dass entweder die Belastung durch mächtige Eisschilde oder, häufiger, die Entlastung der Lithosphäre durch Abschmelzen im Erdmantel Instabilitäten und partielle Aufschmelzung und damit verstärkten Vulkanismus auslösen"
Hans-Ulrich Schmincke, Vulkanismus, Darmstadt 2013, 4. Auflage, S. 230

Durch das massive Schmelzen der Gletscher und Eiskappen passiert etwas, das zwar einleuchtet, aber nicht jedermann bewusst ist: Die Kontinente verändern ihre Lage. Sie heben sich nicht gleichmäßig aus dem Ozean, sondern wie bei einer Wippe* verändert sich der Lagewinkel einer Kontinentalplatte, je nachdem, wo das Eis und damit ein unfassbares Gewicht verschwindet.
Für Deutschland hat man eruiert, dass die Teile Norddeutschlands absinken als Gegenpol zu Island - wie bei einer Wippe. Denn für Island wurde kürzlich erst durch präzise Satellitenmessungen eruiert, dass die Insel sich durch den Gletscherverlust um einige Millimeter pro Jahr an bestimmten regionalen Stellen aufrichtet. Auf der ganzen Welt ist diese Kontinentalplattenhebung zu messen und führt sogar dazu, dass die Erdrotation und -achse sich verändert und damit die Tageslänge - natürlich nur minimal.

Aber was sind die Folgen?
Wenn die Kontinentalplatten ansteigen, verringert sich dann nicht der Druck auf die Magmaschichten im Untergrund und alle Vulkane schlafen ein?
Weit gefehlt!
Dazu muss man verstehen, wie Vulkane eruptieren. Es handelt sich nicht immer um eine Anreicherung des Magmas mit Gas wie bei dem Beispiel einer geschüttelten Sprudelflasche, sondern neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass die Rolle des Wassers bisher massiv unterschätzt wurde.

Schema einer Subduktionszone im Querschnitt mit Schichtvulkanaktivität, © <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subduktion#/media/File:Oceanic-continental_convergence.svg" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Gretarsson auf commons.wikimedia.org</a>, Lizenz: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">CC BY-SA 3.0</a>.
Schema einer Subduktionszone im Querschnitt mit Schichtvulkanaktivität, © Gretarsson auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Bei Schichtvulkanen (oder Subduktionsvulkanen), die im Grenzgebiet zweier sich treffender Kontinentalplatten aufreihen, schiebt sich eine Kontinentalplatte tief unter die andere im Meeresboden. Dabei wird logischerweise Wasser mitgeführt und im Gestein angereichert und später bei der Schmelze in der Tiefe auch im Magma. Und es wird sehr, sehr viel Wasser mitgeführt. Es handelt sich um so viel Wasser, das am Ozeangrund in den Subduktionszonen in das Erdinnere mitgeführt wird, dass die gesamte Wassermenge der Ozeane über einen Zeitraum von etwa 500 Millionen Jahren (was lediglich 10% der Erdgeschichte entspricht), dem Erdinnern wieder zugeführt wird (Schminke, Vulkanismus, S. 110).

Bezogen auf die Vulkane ist Wasser also im gewaltigen geologischen Kreislauf im Grunde nur ein Nebeneffekt, doch hier ist der Wassergehalt eines Magmas entscheidend für die Explosivität eines Vulkans. Daher sind die Vulkane an Subduktionszonen auch jene, die deutlich am häufigsten und zugleich am heftigsten eruptieren - wie z. B. der Mount St. Helens in den USA 1980, der Krakatau in Indonesien 1883 sowie im gleichen Land der Pinatubo 1991.

Ebenso kann der Kontakt des aufsteigenden Magmas mit der Grundwasserschicht als Auslöser einer Eruption dienen.

Daraus ergibt sich bei den Forschern die Theorie, dass in Zeiten von Klimaerwärmungen zwar nicht die Anzahl an Eruptionen an sich zunimmt, jedoch die Häufigkeit von heftigen Eruptionen und die damit erfolgende Infusion von Schwefel in die Stratosphäre ein Gegenmittel zur laufenden Klimakatastrophe bewirkt (sogenanntes "Vulkanisches Forcing").

Gibt es Anzeichen von einer Zunahme an vulkanischer Aktivität derzeit?

Insgesamt beobachten Forscher seit Beginn des 21. Jahrhunderts eine leichte Zunahme von vulkanischer Aktivität. Zwar verläuft dieses Ansteigen parallel zur sprunghaft angestiegenen Erderwärmung, taugt aber kaum als Beweis - denn die Reaktionszeit von Veränderungen ist sehr lang und kann Jahrzehnte betragen. Zudem könnte es sich nur um eine zufällige Schwankung handeln.

Derzeit ist die Eruptionslage der Vulkane der Erde nicht außergewöhnlich hoch, sondern normal. Allerdings zeigen sich vor allem in Island Veränderungen und dies ist einen genaueren Blick wert, denn Island ist als Insel, bei der die Gletscher abschmelzen nahezu ein Forschungslabor für die Auswirkungen der Klimakatastrophe auf die Häufigkeit und Heftigkeit der vulkanischen Eruptionen.

Vulkanausbruch des Bardarbunga an der berühmten Holuhraun-Spalte. © Sparkle Motion auf flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0.
Vulkanausbruch des Bardarbunga an der berühmten Holuhraun-Spalte. © Sparkle Motion auf flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0.

Es ist offensichtlich, dass allein mit den Ausbrüchen des Eyafjallajökull 2010 und des Bardabunga letztes Jahr ungewöhnlich starke Ausbrüche erfolgten, die durchaus in Zusammenhang mit dem Anheben der Kontinentalmasse Islands aus dem Atlantik gesehen werden.
Auch aktuell bzw. seit dem Ausbruch des Bardarbunga zeigen sich überall in Island vermehrt Erdbeben als Indikatoren, dass sich im Untergrund vieles im Wandel befindet. Vor einiger Zeit war die Hekla im Zentrum der Beobachtung, deren "Atmung", also das Anheben und Absinken der Oberfläche, mit Interesse betrachtet wurde.
Nun sind es Gebiete, wo teilweise seit Tausenden von Jahren keine Aktivitäten bekannt sind - darunter der Tungnafellsjökull, die Askja, immer noch der Bardarbunga und der Torfajökull (letzter Ausbruch im Jahre 1477).

Es ist nur sehr schwer vorherzusagen, ob und wann ein Vulkan ausbrechen wird, da letztlich das Magma nicht direkt beobachtet werden kann (was wirklich zu schön wäre) und sowohl Magmaintrusionen in eine bestehende Magmakammer und auch die Veränderung des Magmas (Gasgehalt, Wassergehalt, Viskosität) nicht direkt belegt werden können, sondern nur indirekt durch Erdbeben, Gasemissionen und -veränderungen, sowie Infrarotaufnahmen des Vulkans.
Vom reinen Bauchgefühl würde ich sagen, dass in Island bis 2020 ein großer Ausbruch bevorsteht, aber wie das so ist mit Gefühlen: Als wissenschaftlicher Nachweis taugen Sie nicht und wenn es dann doch alles anders kommt, hat einen das Gefühl getrogen.

Da die Klimakatastrophe jedoch gerade die explosiven (sog. "plinianischen" nach dem Augenzeuge Plinius beim Ausbruch des Vesuv bei Pompeiji 76 n. Chr.) Eruptionen zu verstärken scheint, ist es kein schlechter Rat, ein Auge auf Island, die dortigen Erdbebenindikatoren und die Vulkane* zu halten. Denn: Vulkaneruptionen können das Klima* dergestalt beeinflussen, dass die Schwefeldioxid-Emissionen entgegen der laufenden Klimakatastrophe die Erde abkühlen und somit wieder in einen Normalzustand versetzen könnten, zumindest für einige Jahre oder Jahrzehnte.

Relevante Artikel aus dem Web

Hebung der Kontinente durch Eisschmelze: http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/island-hebt-sich-schmelzende-gletscher-wirken-auf-isostasie-a-1016946.html
Artikel Tagesspiegel: http://www.tagesspiegel.de/wissen/geowissenschaft-mehr-vulkanausbrueche-durch-klimawandel/1805228.html
Artikel zum vulkanischen Forcing: http://www.spektrum.de/news/wie-stark-daempfen-vulkane-die-erderwaermung/1326938
Aktuelle Nachrichten zur Situation der Vulkane in Island: http://www.vulkane-islands.de/
Aktuelle Nachrichten zu Erdbeben und Vulkantätigkeit global: http://www.vulkane.net/blogmobil/
Monitoring-Seite zu allen derzeit aktiven Vulkanen weltweit: http://www.volcanodiscovery.com/de/aktuell-aktive-vulkane.html

Ausbruch des chilenischen Vulkans Calbuco am 22. April 2015 ( <a href="https://kaltwetter.de/vulkan-calbuco-in-chile-ausgebrochen/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">https://kaltwetter.de/vulkan-calbuco-in-chile-ausgebrochen/</a>.
Ausbruch des chilenischen Vulkans Calbuco am 22. April 2015 ( https://kaltwetter.de/vulkan-calbuco-in-chile-ausgebrochen/.




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