Herbst und Winter 2019/20 - Der tiefe Blick in die Glaskugel

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Wie wird der Herbst 2019 und der Winter 2019/20? Ist überhaupt eine Einschätzung möglich?
Wie wird der Herbst 2019 und der Winter 2019/20? Ist überhaupt eine Einschätzung möglich?
Die legendäre Pythia, das Orakel von Delphi im antiken Griechenland (hier gemalt von John Collier 1891). Ob sie auch in der Lage war, das Wetter des Herbst und Winters zu prognostizieren?
Die legendäre Pythia, das Orakel von Delphi im antiken Griechenland (hier gemalt von John Collier 1891). Ob sie auch in der Lage war, das Wetter* des Herbst* und Winters zu prognostizieren?

Von der legendären Pythia des Orakels von Delphi im alten Griechenland hieß es, sie könne die Zukunft weissagen.
Dem griechischen König Krösus antwortete sie auf seine Frage, ob er den Krieg wagen sollte: "Wenn Krösus den Halys überschreitet, wird er ein großes Reich zerstören". Freudig wagte Krösus den Angriffskrieg - und zerstörte durch die darauffolgende Niederlage tatsächlich ein großes Reich, nämlich sein eigenes ...

Wir befinden uns noch in der schlimmsten Jahreszeit, dem Sommer. Und mit Prognosen zum Winter 2019/20 verhält es sich ähnlich wie mit den Weissagungen der Pythia: So weit entfernt von selbst im Herbst* nur bedingt sicheren Einschätzungen können die Prognosen nur wenig mehr sein als Prophezeiungen.

Immerhin muss sich Kaltwetter.de dafür nicht wie die Pythia Dämpfen aussetzen, die aus dem Erdinnern drangen und bei denen es sich vermutlich um Methan und Kohlendioxid gehandelt haben soll - ausgerechnet! Immerhin wird so die Menschheit vielleicht zwangsläufig die Erleuchtung erlangen, wenn weiterhin die beiden Treibhausgase massiv emittiert werden ...

Da zudem die weissagende Person jungfräulich sein musste, greife ich lieber auf eine Muse zurück, die mich inspiriert. Dabei handelt es sich um Dr. Cohen, den die Altleser von kaltwetter.de (damals kaltwetter.com) bereits kennen. Aber jetzt nur keine falschen Annahmen, ich bin verheiratet mit einer wunderbaren Frau 😉

Mit diesen Hilfsmitteln kann man vielleicht den Winter 2019/20 selbst vorhersagen. Aber ohne Garantie für irgendwelche Wahrscheinlichkeiten 😉 Sie sehen nichts? Dann: Hinweis.

Grundsätzliches: Ja, der Winter ist mittlerweile prognostizierbar!

Zunächst werfen wir einen Blick auf die Forschungsfront. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, was dem geneigten Kaltwetter.com-Leser schon 2016 herum klar war: Der Winter ist mittlerweile auch dank herausragender Arbeiten von Dr. Cohen, der sich immer weiter selbstkritisch entwickelt, grob prognostizierbar. Und nein, beileibe nicht "erstmals": Erstmals verlässliche Drei-Monats-Prognosen für Winter in Europa möglich (Universität Hamburg).

Warum ist das so?
Weil Dr. Cohen Kausalitäten gefunden hat. Und zwar zwischen ...
1. der Schneebedeckung der Nordhemisphäre und hier vor allem in Sibirien, dem "Kühlschrank Europas".

2. der Wirkung der Schneedecke auf den Polarwirbel (der im September neu entsteht und sich im April wieder auflöst durch astronomisch bedingte Kaltluftansammlung).

Wirkungsweise von Schneedecke in Eurasien und dem Polarwirbel (Polar Vortex) bzw. der Arktischen Oszillation (AO).

3. weiteren Zusatzfaktoren wie dem Eis in der Barentssee (sehr wichtig für Europa!), den Temperaturen des Atlantiks, dem Sonnenfleckenzyklus der Sonne*, dem Zustand der ENSO (El Nino und La Nina) und der QBO. Ich hatte im Winter 2016/17 eine Übersicht mit "Zeigern" gebastelt, die das Ganze übersichtlich veranschaulichen:

Welche Außenfaktoren wirken klimatologisch auf den Winter? So ist eine Winterprognose in groben Zügen in der Summe möglich!
Welche Außenfaktoren wirken klimatologisch auf den Winter? So ist eine Winterprognose in groben Zügen in der Summe möglich! Bitte beachten: Die dargestellten Zeiger beziehen sich auf den Winter 2016/17 und nicht auf den kommenden Winter!

Aus diesen Faktoren kann man wunderbar eruieren, ob sich ein Kaltwinter als mittlerweile fast nicht mehr mögliches Szenario (für Europa, NICHT für die USA!) andeutet oder der Normalzustand eines Mildwinters, meist in Form eines Supermildwinters eintritt.
Ein sehr klares Beispiel ist der Zusammenhang zwischen Oktober und Januar: Der Oktober spielt dabei die Rolle eines Zeigers für den darauffolgenden Januar, weil sich der Polarwirbel (dargestellt im Index der Arktischen Oszillation, AO genannt) im Januar ähnlich verhält wie im Oktober. Ist die AO im Oktober negativ und damit der Polarwirbel mehr oder weniger geschwächt, führt dies zu Rossbywellen, die bei günstigem Verlauf (noch verhältnismäßig reduziert kühle) arktische Kaltluft nach Europa führen können und zu einem kühlen Oktober führen.

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Im Januar ist der Polarwirbel dann ähnlich geschwächt, da offenbar aus noch nicht ganz verstandenen Gründen eine Koinzidenz zwischen Januar und Oktober beim Polarwirbel besteht. So können polare Luftmassen im Januar zu einer Kaltwinterepisode führen - in den östlichen USA dann zumeist in 100% der Fälle aufgrund deren perfekter geografischer Lage.

Das zunehmende "Ausweichen" der arktischen Kälte auf die Kontinente durch Rossbywellen des anomalisierenden Jetstreams wird auch als WACCY-Effekt bezeichnet.
Das Wort setzt sich zusammen aus (W)arm (A)rctic -> "(C)old (C)ontinents". Was hat es damit auf sich?
An den Polen sind durch die physikalische Arktische Amplifikation oder Arktische Verstärkung die relativen (nicht absoluten) Erwärmungseffekte bis zu 6x höher sind als in unseren mittleren Breiten.

Diese warme Arktis (WA) führt im Winter durch die Anomalien des Polarwirbels und langsamen Jetstreams zu den altbekannten "Beulen", in denen Polarluft weit in den Süden vorstößt, somit die Kaltluft quasi "ausweicht" auf die Kontinente der mittleren Breiten und dies damit zu kalten Kontinenten (CC) führt.

Das "Y", das am Ende des WACCY noch fehlt, wurde nur ergänzt, damit es die englischsprachige Bedeutung "verrückt" erhält.

Was wir also beobachten müssen neben den ganzen Einzelfaktoren (was ich für euch dann zum gegebenen Zeitpunkt in gewohnter Weise übernehmen werde) ist vor allem der planetare bzw. nordhemisphärische Waccy-Effekt.

Wie sahen die letzten beiden Winter unter WACCY-Gesichtspunkten aus?

Dieser trat im Herbst* und Winter 2017/18 in noch nie erlebter Weise auf und immerhin existiert er ja erst seit der und durch die Klimakatastrophe:

Deutlich in der Arktis zu erkennender, extremer WACCY-Effekt mit Temperaturanomalien, die teilweise über die Skalen hinausgehen und sich in dieser Form auch grosso modo den ganzen Winter über hielten. Zu erkennen ist aber auch, dass nur die USA von der Kontinentalkälte des schwingenden Jetstreams profitierten und Deutschland aufgrund des Kalten Flecks im Atlantik südöstlich Grönland mal wieder nicht. © <a target="_blank" href="http://www.karstenhaustein.com/climate">Klimatologe Karsten Haustein</a>.
Deutlich in der Arktis zu erkennender, extremer WACCY-Effekt mit Temperaturanomalien, die teilweise über die Skalen hinausgehen und sich in dieser Form auch grosso modo den ganzen Winter über hielten. Zu erkennen ist aber auch, dass nur die USA von der Kontinentalkälte des schwingenden Jetstreams profitierten und Deutschland aufgrund des Kalten Flecks im Atlantik südöstlich Grönland mal wieder nicht. © Klimatologe Karsten Haustein.

Das Bild im Winter 2017/18 war das Übliche: Die östlichen USA versanken in Kälteparadiesen als seien sie selbst der Nordpol, Deutschland hatte seinen Mildwinter mit 1,4 Grad zu warmen Mitteltemperaturen. Aber auch jetzt gab es wie im Winter 2016/17 mit dem epischen Januar 2017 einen deutlich zu kalten Monat im Februar 2018 mit sage und schreibe 2,1 Grad UNTER dem Mittel. Eigentlich gab es sogar zwei in Folge mit dem März 2018 (-0,9 Grad unter dem Mittel 1961-1990), aber dieser zählt meteorologisch bekanntlich bereits zum Frühling. Ohne die Anomalien des Jetstreams und Polarwirbels ist das mit den ansonsten übermächtigen Treibhauswärmeeffekten nicht mehr zu erklären.

Ein Jahr später im Winter 2018/19 erwartete man logischerweise das gleiche Bild, aber die Erde überraschte uns völlig! vom Waccy-Effekt plötzlich nichts mehr zu sehen, gar nichts!

Dezember 2018: Der Waccy-Effekt ist nicht aufgetaucht, obwohl ihn jeder erwartet hat. Im Gegenteil erkennt man sogar etwas, das es sehr viele Jahre nicht mehr gab: Eine zu kalte Arktis! © <a target="_blank" href="http://www.karstenhaustein.com/climate">Klimatologe Karsten Haustein</a>.
Dezember 2018: Der Waccy-Effekt ist nicht aufgetaucht, obwohl ihn jeder erwartet hat. Im Gegenteil erkennt man sogar etwas, das es sehr viele Jahre nicht mehr gab: Eine zu kalte Arktis! © Klimatologe Karsten Haustein.

Warum es plötzlich zu einer Umkehr kam, sprengt an dieser Stelle den Artikel und erscheint selbst heute nicht ganz klar.

Der Punkt ist: Der Winter 2018/19 wurde mit 2,6 Grad Temperaturanomalie noch wärmer als der vorhergehende Winter und einer der wärmsten der Aufzeichnungsgeschichte - aber keine Sorge, da ist noch genug Rekordpotential für die nächsten Jahre und Jahrzehnte der Klimakatastrophe - es sei denn, der Golfstrom fällt aus oder die Kausalitäten mit dem Kalten Fleck auf dem Atlantik ändern sich aus heute noch nicht erkennbaren Gründen.
Der Winter 2018/19 zeigte jedenfalls, dass ohne den WACCY-Effekt echte Winter nicht mehr möglich sind. Sogar in den USA verzweifelte man zusehends (Dr. Cohen kramte sogar einen hässlichen 70er Jahre Pullover als Glückbringer heraus und bekam eine leise Andeutung, wie sich Europäer im Winter seit Jahren fühlen: Dr. Cohen und der Glückspullover), ehe im Spätwinter dann doch wieder die "Arctic Outbreaks" kamen dank geografisch perfekter Winterlage der östlichen USA.

Herbst 2019: Warum werden wir ideale Voraussetzungen erleben?

Die entscheidende Frage vor dem Winter 2019/20 ist also: Kommt der Waccy-Effekt oder kommt er nicht?

Um diese Frage zu beantworten stehen uns 2 Möglichkeiten zur Verfügung:

1. Der Sommer 2019 und seine klimatologischen Faktoren.
Der Sommer ist - natürlich - zu warm* und wird der 25. zu warme Sommer in Folge, wenn ich mich nicht verzählt habe. Ein bitteres und trauriges Jubiläum.

Jetstream im Mai 2017 mit hochgradig gestörtem Verhalten aufgrund Verlangsamung durch fehlenden Temperaturkontrast zu den mittleren Breiten. Das Muster aus gleich 5 Rossbywellen gleichzeitig führt zur Resonanz (Unbeweglichkeit) des Jetstreams, wodurch sich bestehende Wetterlagen (Tief = Überschwemmungen, Hoch = Dürre und Hitze) immer weiter verstärken. © <a target="_blank" href="http://meteociel.fr">Meteociel.fr</a>.
Jetstream im Mai 2017 mit hochgradig gestörtem Verhalten aufgrund Verlangsamung durch fehlenden Temperaturkontrast zu den mittleren Breiten. Das Muster aus gleich 5 Rossbywellen gleichzeitig führt zur Resonanz (Unbeweglichkeit) des Jetstreams, wodurch sich bestehende Wetterlagen (Tief = Überschwemmungen, Hoch = Dürre und Hitze) immer weiter verstärken. © Meteociel.fr.

Allerdings ist und war er ungewöhnlich: Der Jetstream anomalisierte bereits im Frühling 2019 wie verrückt, es ergaben sich 5er und 6er Muster von Rossbywellen, wodurch der Jetstream resonant wurde und quasi stehenblieb und Omegablockaden errichtete.
Im Gegensatz zu vorherigen Zeiten bekam Deutschland mehrmals günstige Rossbywellen ab: Der Mai 2019 mit 1,0 Grad unter dem Mittel war ein Traum. Ob das ein Beleg dafür ist, dass sich die Amplituden des Jetstreams und der Rossbywellen verändern oder nur ein Zufall war, wird sich zukünftig zeigen.

Aktuell verschiebt sich die Rekordhitze aus dem Juni mit früher undenkbaren und von mir bereits 2015 vorhergesagten 40 Grad und mehr (eigentlich völlig undenkbare 42,6 Grad ausgerechnet in Lingen im Ostfrieslandnahen Emsland ist der neue Rekord) Richtung Arktis. Grönland erlebt soeben eine Rekordschmelze durch über 20 Grad am Boden und 70% Schmelzfläche aufgrund der weit in den Norden transportierten Hitzemassen, die ja ursprünglich aus Afrika zu uns gelangten durch Südanströmung eines durchgedrehten Jetstreams.

Diese Entwicklungen begünstigen dann im Herbst* den Transport von Bodenwärme nach oben in die Stratosphäre, die altbekannten Warmings. Dr. Cohen hält daher eine frühe Schwächung des im September entstehenden Polarwirbels für wahrscheinlich. Damit wären die Voraussetzungen für den Ausbruch von polarer Kälte Richtung Süden mit in Rossbywellen transportierten Troglagen gegeben.

Aber immer daran denken: DAS IST KEINE 100% GARANTIE und überhaupt keine Schwarz oder Weiß, 0 oder 1-Rechnung! Denn die Rossbywellen müssen für uns günstig liegen und da haben wir in Europa aufgrund des Kalten Flecks im Atlantik immer ganz üble Karten: Wenn sich die Kühle auf dem Atlantik konzentriert, wird logischerweise östlich der Rossbywelle Warmluft von Süden angezapft und direkt nach Deutschland geführt, hier einmal anschaulich gemacht in der Situation vom 17. April 2018:

Trog auf dem Atlantik (den Jetstream mit ähnlichem Verlauf in der Höhe kann man sich nahezu deckungsgleich dazudenken), wodurch östlich dahinter auf der Vorderseite des Tiefs Afrikaluft nach Deutschland strömt: Die mittlerweile Standardsituation als Folge der durch Arktisschmelze hervorgerufenen Golfstromschwächung und des "Kalten Flecks" südöstlich Grönlands. © <a target="_blank" href="http://www.wetterzentrale.de">Wetterzentrale.de</a>.
Trog auf dem Atlantik (den Jetstream mit ähnlichem Verlauf in der Höhe kann man sich nahezu deckungsgleich dazudenken), wodurch östlich dahinter auf der Vorderseite des Tiefs Afrikaluft nach Deutschland strömt: Die mittlerweile Standardsituation als Folge der durch Arktisschmelze hervorgerufenen Golfstromschwächung und des "Kalten Flecks" südöstlich Grönlands. © Wetterzentrale.de.

Anders ausgedrückt: Ohne Waccy haben wir 100% Supermildwintergarantie. Mit Waccy haben wir zumindest in Phasen Winterchancen von vielleicht 25%-50%.

2. Die Computerberechnungen von Arktiswetter, Schneedecke und Polarwirbel

Dr. Cohen muss sich nicht mehr selbst über einen Erdspalt begeben und giftige Dämpfe einatmen! Das erledigen sogenannten ITler in diversen Kellerräumen an anderen Orten für ihn 😉 Pythia nennt sich CFS. Leider ist dieses wenig zuverlässig, aber immerhin eine Möglichkeit, Druckverhältnisse der Nordhemisphäre und die Schneedeckenentwicklung weit in die Zukunft vorauszusagen.

Hier hat Dr. Cohen bei Twitter die Ergebnisse gepostet, die überaus erfreulich sind: Im Herbst* 2019 kommt es sowohl zu einer raschen Schneedeckenausweitung (vor allem wird hier Sibirien und Kanada betrachtet) wie auch zu einer warmen Arktis (was logischerweise einem Waccy-Effekt entspricht) und einer Störung des soeben entstandenen Polarwirbels.

Dr. Cohens Analyse der Herbstentwicklung. Quelle: <a target="_blank" href="https://twitter.com/judah47/status/1156551351842816001?s=20">Twitter</a>.
Dr. Cohens Analyse der Herbstentwicklung. Quelle: Twitter.

Der Winter 2019/20 mit Kältechancen?

Was hat das nun mit dem Winter 2019/20 zu tun?
Wie gesagt zeigen uns die Entwicklungen im Oktober, wie die Lage im Kernwinter, allen voran im Januar 2020 sein wird. Ein gestörter Polarwirbel mit negativer AO deutet nicht auf einen Supermildsturmwinter wie im Januar 2019 hin, sondern auf hohe Kältechancen ähnlich wie Januar 2017 (auch hier: Die Korrelation ist nicht 100%, aber man vergleiche einmal die letzten Jahre den Oktober mit dem darauffolgenden Januar ...).

Ich selbst bin gespannt, ob sich die Situation wirklich so entwickeln wird. Ich erinnere mich, dass im vorletzten Jahr war es glaube ich, Dr. Cohen erwähnt hatte, dass das damalige Warming des Polarwirbels Ende November das früheste der Aufzeichnungsgeschichte war. Sollte sich tatsächlich ein vielleicht sogar Major Warming noch früher entwickeln, dann wäre das eine Sensation. Das theoretische Potential dafür existiert, denn je stärker die Treibhausgase emittiert werden, desto mehr steigen die Bodentemperaturmuster und desto mehr Wärme* kann vom Boden (unter günstigen meteorologischen Bedingungen) in die Stratosphäre gelangen und dort den Polarwirbel zertrümmern, der dann "leckt" und die Kälte auf die Kontinente freigibt.

Die Frage ist nur, ob Dr. Cohen sich hier nicht mit den CFS-Berechnungen irrt. Allerdings muss man hier berücksichtigen, dass klimatologische Berechnungen weitaus sicherer und stabiler sind als die viel komplexeren, weil detailreicheren Chaosberechnungen meteorologischer Wetterdetails. Deswegen können wir bekanntlich nicht das Wetter* in 5-7 Tagen sicher voraussagen, aber sehr wohl klimatologische Parameter Wochen oder Monate im voraus bestimmen.

Ein Computer ist kein Wunschgeist aus der Flasche, aber so ein Winter wäre doch etwas, wo man mit Tränen in den Augen auf blutenden Knien herumrutscht vor Dankbarkeit ... Eigenes Foto vom 30. Januar 2019 im Taunus am Großen Feldberg.
Ein Computer ist kein Wunschgeist aus der Flasche, aber so ein Winter wäre doch etwas, wo man mit Tränen in den Augen auf blutenden Knien herumrutscht vor Dankbarkeit ... Eigenes Foto vom 30. Januar 2019 im Taunus am Großen Feldberg.

Nach dem heutigen, noch sehr groben und unfertigen Stand müsste man von folgendem Winter ausgehen: Ein Frühwinter mit einigen Kältephasen im Dezember 2019, gefolgt von einem möglicherweise kalten Januar 2020. Der Spätwinter verschließt sich der Betrachtung wie immer. Bei einem Major Warming oder sogar einer vorzeitigen Polarwirbelauflösung wie im Februar/März 2018 kann es sehr kalt* werden (vgl. Februar/März 2018). Ohne solche Entwicklungen kann es brutal warm* werden (vgl. Februar/März 2017).

Wir haben nun die Erkenntnisgase der Pythia eingeatmet, schwanken noch ein wenig und verkünden dem gleichfalls sabbernden kälteaffinen Publikum: "Es wird ein unfassbarer Winter!". Wer nun den König Krösus spielen mag, der interpretiert das in seinem Sinne. Doch für wen wird es "unfassbar" sein? Für die Sofeten mit krankhafter Kälteaversion oder für uns? Die Zeit wird es zeigen. Und viele weitere Analysen ebenfalls. Ich bleibe zum jetzigen Zeitpunkt noch äußerst skeptisch, zumal die Prognose auf CFS beruht. Die AER-Prognosen mit Dr. Cohens eigenen Berechnungen haben sich da als deutlich zuverlässiger erwiesen und werden im Frühherbst für mehr Klarheit sorgen.

Wer nicht auf den Winter warten will, der kann sich medial der Pythia nähern: Terror von Dan Simmons ist ein absoluter Buchtipp von mir! "Leichen pflastern seinen Weg" mit Klaus Kinski in Hochform ist absoluter Kult. "Antarctica" ist aus neuerer Zeit ein sehenswertes Highlight. Sie sehen nichts? Dann: Hinweis.

Warum deutsche Meteorologen größtenteils klimatologisch blind sind

Nachdem klar sein dürfte, warum und wie man seriös Langfristprognosen betreiben kann, soll noch ein Wort zu der Ablehnung solcher Prognosen in Deutschland gestattet sein.

Deutsche Meteorologen ketten sich nämlich leider im Gegensatz zu ihren internationalen Kollegen an die eigene selbstgewählte Beschränktheit. Ein Jörg Kachelmann beispielsweise ignoriert Klimatologie statt sie mit seinem Niveau sich doch einfach mal anzueignen und interdisziplinär zu nutzen. So kommt man natürlich zwangsläufig zu der Ansicht, dass jegliche Langfristprognosen Schwachsinn seien. Zugegeben: Abseits des Winters ist das auch tatsächlich so.

Fehlender Durchblick bei deutschen Meteorologen? Es fehlt die Klimatologiebrille und es herrscht die Scheuklappe.
Fehlender Durchblick bei deutschen Meteorologen? Es fehlt die Klimatologiebrille und es herrscht die Scheuklappe.

Derweil hat sich ein früher durchaus vielversprechender Kai Zorn zu diversen Geheimlehren der Kabbala entschieden (warum auch immer) und orakelt zukünftige Jahreszeiten mit Hilfe von zahlenesoterischen Vergleichen zu Perioden, wo es keine globale Treibhausgaskatastrophe gab. Zwangsläufig kommt Herr Zorn damit zu der Ansicht, dass es keine Klimaktastrophe gäbe, obwohl jeder klimatologisch versierte Laie das bereits nach ein paar Wochen intensivem Studium erkennt mit der schnellsten und stärksten Erwärmung aus 4 Mrd. Jahren Erdgeschichte plus der dazugehörigen Belegmasse und wissenschaftlicher Falsifikationsmethodik.

Wie sehr Kai Zorn daneben liegt, zeigt ein Rückblick auf seine absurde These, dass eine "Kaltphase" bevorstünde. Das ist aus heutiger Sicht (und für mich damals schon) pure Realsatire: Blick in die Zukunft von Kai Zorn: Abkehr von der Hitze?

Aber vermutlich gehört die Abwesenheit der zeitlosen Tugend des "Über den Horizont blicken" zu einer Zeit, in der auf Dauer alles vernichtet werden wird, was wir heute noch kennen.
Wie die Vergangenheit gezeigt hat, können Menschen, die in Makrostrukturen denken und darin eine Begabung haben, durchaus Kausalitäten, rote Fäden, Entwicklungen der Zukunft erkennen. Das habe ich seit 2014 hinlänglich bewiesen und das als Philosoph und Strukturhistoriker, der sonst die Entwicklungen der Gesellschaften über Jahrhunderte "von oben" verfolgt und lediglich diese Sichtweisen und Methodiken auf die Klimatologie anwendet. Das sollte für Fachleute in der Meteorologie also nicht so schwer sein. Aber so werden eigentlich völlig banale Erkenntnisse, die es schon seit 2015 gibt, im Jahr 2018 als "neue Erkenntnis" gepriesen, wie oben bereits einmal erwähnt: Erstmals verlässliche Drei-Monats-Prognosen für Winter in Europa möglich. Da möchte man manchmal wie die Pythia in Krämpfen schreien. Aber sicher nicht aus Begeisterung ...




Die Pythia verkündete ihre Weissagungen nicht umsonst. Es hieß, dass ein großzügiges Opfer die Prophezeiung in ihrem Ausgang günstig gestalten würde. Seid klug, seid wie die altgriechischen Pilger zur Pythia!