Herbstbesuch in der Geisterbahn der Sofeten

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Flammen, Hitze, die Fackel des Glühlings und ein verdorrtes Antlitz machen klar: Sie betreten die herbstliche Geisterbahn der Sofeten!
Flammen, Hitze, die Fackel des Glühlings und ein verdorrtes Antlitz machen klar: Sie betreten die herbstliche Geisterbahn der Sofeten!

Mitte Oktober.
Die Sonne* brennt, die Temperaturen lecken an der 25-Grad-Marke des Thermometers wie Flammen am Baum der zur Asche gewordenen Hoffnung. Dürre und Waldsterben geht einher mit der surrealen Hitze von dem, was einst Herbst* war und nun "Glühling" heißt. Alles in allem das, was die hitzepervertierte Masse der Sofeten (was ist das?) nach sieben Jahrzehnten Selbstkonditionierung "Schönwetter" nennt.

Dennoch habe ich mich breitschlagen lassen, mit meiner Tochter die Kirmes zu besuchen. Nach umfangreichen Vorbereitungen von kurzer Hose und T-Shirt über Sonnenbrille* und Basecap* bis hin zur kühlenden Befeuchtung der Waden, Arme und der Haare als "Klimaanlage*" brechen wir zum Stadtpark auf.
Eine exakte Adresse recherchiere ich nicht. Gemeinhin ist der Ort am ohrenbetäubenden Lärmpegel der tumben Massen leicht zu triangulieren. Immerhin freut sich meine Tochter über die Attraktionen und Naschereien*, die auf sie warten - auch wenn ihr selbst viel zu warm* ist, während uns auf dem Weg zum Stadtpark Frauen begegnen, deren Winterkleidung in einen Eskimokatalog passen würden.

Seltsamerweise ist gar kein Lärm zu vernehmen, als wir den Stadtpark erreichen. Doch schließlich finden wir einen marktschreierisch in bunten Farben aufgemachten Torbogen, der offenbar den Eingang zur ersten Attraktion des Jahrmarkts kennzeichnet: Eine Geisterbahn!
Meine Tochter zupft begeistert an meinem T-Shirt. Offenbar teilt sie meine Begeisterung für das Morbide. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ich schmunzele und suche nach dem Kartenverkäufer. Seltsamerweise ist jedoch keiner aufzutreiben. Möglicherweise handelt es sich um eine Gratisattraktion oder man nimmt uns das Geld ab, wenn wir die Geisterbahn durchschritten haben und heilfroh sind, dem Horror zu entkommen? Da kennen uns die Geisterbahnbetreiber aber schlecht!
Grimmig durchschreite ich mit meiner Tochter den Torbogen dieser Outdoor-Geisterbahn und bin gespannt auf die Schreckeffekte, die uns erwarten. Auf der Kulisse prangt ein Skelett, das wie ein verdorrter Sofet aussieht und passenderweise eine Fackel in der Hand hält. Flammen und rote Farbe ergänzen die zum gegenwärtigen Wetter* passende Darstellung.

Begegnung mit der Plastiksauna und der Yetifrau

Gleich auf dem Rundweg begegnen wir dem offensichtlich ersten Monster. Aber es springt nicht aus den Büschen, es sitzt still wie eine schwarze Statue auf der sofetischen, nach Süden und somit Hitze und netzhautrammende Sonnenpestgrelle ausgerichteten Bank. Wie raffiniert!
Ich zwinkere meiner Tochter zu, die ein wenig nervös an der Lippe kaut und wir nähern uns der Schauspielerin. Wie schwarzer Lack glänzt ihre Kleidung, die sie komplett einhüllt. Sogar das Gesicht ist mit dem plastikähnlichen Kleidungsstück* überzogen. Sie muss bei den 30 Grad in der barbarisch brennenden Sonne* zerfließen! Oder ist das gewollt? Wenn man die Plastiknähte mit einem Feuerzeug verschweißen würde, dann hätte man eine Ein-Mann-Sauna.

"Schwitzen Sie nicht in diesen Klamotten?", frage ich Sie.
Die Kreatur bewegt nur ihre Augen kurz zu mir, bevor sie wieder geradeaus starrt.
"Ich verstehe nicht, was Sie meinen", schnarrt sie kurz angebunden und dann "Gehen Sie mir aus der Sonne*!"
Ich grinse meine Tochter an, die die Frau staunend anstarrt.
Was für ein genialer Einfall! Schrecken durch gespieltes Unverständnis. Und diese Selbstbeherrschung. Da verstehe ich plötzlich das Geisterbahnschild am Anfang: Es muss sich hier um eine sofetische Geisterbahn handeln, in der Sofeten den ganzen Schrecken ihrer Hitzeperversion offenbaren. Eine Art Fetisch-Geisterbahn! Ich bin begeistert. Jetzt verstehe ich auch die künstlerische Gestaltung des Torbogens, durch den wir die Herbstgeisterbahn der Sofeten betreten haben.
"Komm, lass uns zum nächsten Monster gehen!", sage ich enthusiastisch und meine Tochter geht jubelnd mit.

Wir müssen nicht lange auf den nächsten Sofetenhorror warten. Um die Ecke biegt eine blonde Frau. Bekleidet mit einem völlig abstrusen Wollkleid, das sogar die Arme einschließt und sie auf lächerlich überzogene Weise unbeweglich macht. Der inverse Humor ist so übertrieben, dass er tatsächlich Schrecken verströmt. Der Erfinder dieser Geisterbahn muss ein Genie sein!

Die Geisterbahnschauspielerin merkt unsere Aufmerksamkeit und posiert auf eine dümmliche Weise, die herrlich zu ihrem sofetischen Outfit passt.
"Papa, macht die Frau jetzt Pipi?", fragt meine Tochter in kindlicher Direktheit.
Ich hingegen kann mich nicht entscheiden, ob die Pose wie ein Versuch zu urinieren wirkt oder ob sie versucht, den angesammelten Schweiß zu verklappen. Möglicherweise ist es auch ein feministischer Gestencode, um auf ihre Menstruation hinzudeuten, man weiß es nicht. Oder handelt es sich gar um ein Orgasmotronkleid, das im Hitzeknebel sofetenerotische Hitzeperversengefühle erzeugt?
Da mir dies nicht jugendfrei erscheint, eile ich mit meiner Tochter an der Hand rasch an dem Yetifraumonstrum vorbei.

Navigationsterror bei den Gartensofeten

Unser Weg führt uns in einen Gartenbereich. Sofort fällt das nächste Geisterbahnsubjekt auf: Eine Frau steht dort in einem ähnlich abstrusen Wollkleid wie die Urinposenfrau und wirkt wie ein Yeti, den man per Hubschrauber aus den Bergen hier abgesetzt hat in Ofenhessen. Unsicher dreht sie sich mal in die eine, mal in die andere Richtung, denn ihr Luftzugsschutzwall bedeckt nicht nur den Hals, sondern geht bis über die Augen.
Dies führt zu dem unvergleichlich dämlichen Umstand, dass sie nicht einmal mehr sich in der Umgebung orientieren kann.
"Guck mal, Papa, gleich fällt sie auf die Fresse", lacht meine Tochter. Ich lächle sie an. Kluges Kind.

Doch wir täuschen uns!
Ein Mann taucht auf und ruft der Frau Navigationskommandos zu.
"Links, 3 Schritte, rechts".
Der weibliche Gartenyeti hüpft kurz vor Freude, dann setzt sie die Kommandos um. Da Sofeten nicht über genug mentale Speicherkapazität für einfache Befehle verfügen, latscht sie trotzdem falsch und fällt artistisch über eine Sofetenbank. Spontan applaudieren wir. Was für ein Schauspiel! Das ist die beste Geisterbahn meines Lebens!

Kurz darauf sehen wir eine weitere Bedienstete der Geisterbahn, die die Hitzemaximierung noch grauenhafter und absurder umgesetzt hat. Das Yetiwollkleid, die dazu passenden Handschuhe für Polarexpeditionen auf dem Pluto und Stiefel, die für Mitarbeiter welche mit Flüssigstickstoff experimentieren, vorgesehen sind, erschrecken uns schon nicht mehr.
Aber dieser sofetische Gartenyeti trägt eine Wollmütze, die bis über die Augen gezogen wird und mit dem Luftzugsschutzwall um den Hals sich zu einem Hitzebunker verbindet. Die Hitze in diesem aufwändigen Kostüm muss so groß sein, dass die Frau vermutlich kurz davor steht, sich kernfusionär wie die Sonne* zu zünden.

Allerdings hängt ein langer Bommel von der Mütze, den sie mit einer Hand umgreift. Sie dreht sich ein wenig unsicher herum, unklar, welche Richtung sie ohne Sicht einschlagen soll. Dann wirbelt sie plötzlich den Bommel wie einen Hubschrauber herum und lässt ihn los. Sie fühlt, wo er wieder zum Stillstand gekommen ist und läuft los.
In Deutschland grassiert im weltweit einzigem Land dieser Art bekanntlich der sofetische Aberglaube, dass Luftzug krank macht, weil er "kühlt". Zeigt der Bommel also eine luftzugsfreie Zone an? Oder handelt es sich um das Zen-Prinzip, demgemäß der Bommel aus unerfindlichen esoterischen Gründen den karmapositiven Weg anzeigt?

Der letztgenannte Ansatz scheitert: Auch dieser Gartenyeti stolpert über eine weitere der unzähligen Sofetenbänke und geht eine künstlerisch bemerkenswerte Kopulation mit selbiger ein. Es wirkt schon beängstigend realistisch, wie die Knochen knacken, aber die rote Flüssigkeit, die aus dem Hitzekopfbunker tröpfelt, ist sicher Kunstblut.
Wir applaudieren der Schauspielkunst des Geisterbahnmodels und ziehen weiter.

Sofeten tragen so etwas wirklich! Sie sehen nichts? Dann: Hinweis.

Horror im Biergarten

Ein Schild taucht auf und der Gruselfaktor steigt: "Biergarten" ist dort zu lesen - der ultimative Horror aus Sofetenlärm, oberflächlichen Idiotengesprächen über "Schönwetter", billigem Fresskram und keinerlei Schatten. Man ist wie auf einer tropischen Galeere durch unsichtbare Ketten an verdreckte Holzbänke gekettet und muss alles über sich ergehen lassen.
Doch meine Tochter will ein Eis. Das väterliche Pflichtgefühl obsiegt über die Angst. Vielleicht ist der Biergarten ja nur eine weitere Gruselattraktion ohne wirkliche Angebote an Ekelspeisen?

Leider haben die Geisterbahnbetreiber die Authentizität auf die Spitze getrieben. Es gibt wirklich Angebote, die man kaufen kann. Seufzend nehme ich mit meiner erwartungsfrohen Tochter Aufstellung vor einer grünen Pappmaschéwand und wir reihen uns in eine der beiden Warteschlangen ein. Gesprächsrauschen erreicht die Ohren. Zwischen hysterischem Gelächter fallen Begriffe wie "Traumherbst", "Schönwetterfront" und "die liebe Sonne*". Mir wird übel und ich wende mich ab, um mich zu erbrechen. Meine Augen fallen dabei zufällig auf die Nachbarschlange und den letzten Mann dort in der Reihe.

Vor Staunen und Horror vergesse ich dem Würgedrang nachzugeben.
Ein transparenter Plastiksack umgibt den Mann. Im Gegensatz zu den meisten Yeti-Wartenden scheint diese Kreatur eine andere Kleidungstechnik entwickelt zu haben: Einen selbstaufgasenden Flatulenzanzug!
Mich schaudert, auch wenn die Idee durchaus Genialität assoziiert: Bei unvermeidlichen, körperwarmen 37-Grad-Darmgasen wärmt sich diese Kleidung von selbst! Der Flatulenzsofet vermeidet so das Frieren bei Temperaturen unter 30 Grad.
Als der Mann unser Starren mit offenen Mündern bemerkt, wird er nervös und die Wirkung bleibt nicht aus: Knatternd bläht sich der Anzug, der Sofet räkelt sich wohlig. Wir schauen wieder weg, mir ist erneut kotzübel.

Immerhin verkürzt diese Aufführung unsere Wartezeit. Doch als ich zum Biergartenverkäufer schaue, bleiben die Worte nach einem Eis für meine Tochter mir im Hals stecken! Was ist das? Ein Sofeten-Borg?
Ein schwarzer Plastikanzug umhüllt den Körper. Der Kopf ist mit einer Kapuze so eng zugeschnürt wie Kinder sofetischer Eltern, die ihre Gören vor "Luftzug" schützen wollen. Das Schwarz heizt sich besonders stark durch die niedrige Albedo auf. Kommt da etwa Dampf aus den Ritzen der Kapuze? Oder wird dieser in den seltsam geformten Beintaschen zwischengespeichert?
"Ja, bitte? Was möchten Sie?"
Auch wenn das Ganze eine Geisterbahnvorstellung ist, werde ich langsam sauer.
"Ich bestelle nicht bei jemandem, dessen Gesicht ich nicht sehen kann!", antworte ich etwas bockig.
"Sind Sie irre?", fragt mich der Sofetenborg.
"Haben Sie mal etwas über Vermummungsverbote gelesen?", antworte ich.
"Bei der Herbstkälte soll ich meine Kapuze öffnen?". Der Sofetenborg scheint völlig entgeistert zu sein und deutet mit einem zitternden Finger in den Himmel, wo sich flirrende Hitzeschlieren wie bei der Arbeit in einer Stahlhütte abbilden.

"Wenn Sie etwas verkaufen wollen, dann ja!", sage ich grimmig.
Der Mann seufzt und ich bewundere, wie echt seine einstudierten Verhaltensmuster wirken. Das ist hier wie beim Besuch eines Mittelaltermarktes mit integriertem spontanen Rollenspiel, nur in horrorsofetischer Ausrichtung. Ich mache mir eine gedankliche Notiz, später in den sozialen Medien dieses Spektakel der Sofetengeisterbahn allen Freunden dringend zu empfehlen.
Die Hände des Sofetenborg nähern sich der Kapuze. Mit etwas Mühe öffnet er den Verschluss. Zum Vorschein kommt ein relativ normales Gesicht eines jungen Mannes und kein Locutus, wie man hätte erwarten können.
Stille breitet sich aus.

Doch dann beginnt der Horror!
Wie von der Tarantel gestochen bricht der Mann in groteske Bewegungen aus, beginnend mit den Worten "Ist das kalt*!!" Die langen Bänder des Anzugs peitschen umher und ich begreife ihren Sinn: Es handelt sich um eine Art flagellantischen Sofetenanzug! Und da der Verkäufer unglaublich dämlich dabei aussieht, ergänze ich die Bezeichnung zu "flagellantischer Vollverblödungsanzug für Sofeten".
Das Peitschen führt zu Reibungswärme und der Sofetenborg erzeugt so eine stabile Temperatur, um seine Hitzeperversion auf krankem Niveau halten zu können.
Fasziniert und entsetzt beobachte ich den Derwischhitzetanz.
"Papa, ich kriege Angst", flüstert meine Tochter.
Das erinnert mich daran, warum wir hier eigentlich stehen.
"Ich hätte gern ein Eis für meine Tochter", sage ich mit Grauen in den Augen.

Der Verkäufer erstarrt in der Bewegung wie eine Comic-Spinne mit Stromschlag.
"Eis?? Sind Sie irre? Wir führen keine lebensgefährlichen Speisen. Sondern Toast Hawaii, Kokoscremesuppe, tropische Überraschung und ..."
Entsetzt fliehen wir vor den brechreizerregenden Angeboten. Manchmal kann diese Geisterbahn wirklich zu gut sein!

Die menschliche Hämorrhoidenrosette

Doch weit komme ich nicht. Meine Tochter zupft an meinem T-Shirt. "Ich muss Pipi!"
Seufzend rolle ich mit den Augen. Aber bevor ein Unglück passiert, nehme ich die Hand meiner Tochter und nutze die günstige Gelegenheit, dass wir uns noch im Horror-Biergarten befinden. Die Toilette ist schnell ausgemacht.

Ich betrete das Männer-WC. Brüllende Hitze schlägt mir entgegen. An den Wänden sehe ich Heizkörper glühen wie Kernbrennstäbe. An den Urinalen drängeln sich Borg-Sofeten wie der Verkäufer und wirken dabei wie pinkelnde Autoscooter in ihren unförmigen Anzügen. Aber auch der Sofet mit dem Flatulenzanzug ist da! Als er uns nervös bemerkt, bläht sich der Anzug auf. Er bläht sich zu sehr auf. Und der Mann nähert sich unbemerkt der rotglühenden Heizung. Die Borgsofeten schreien, doch es ist zu spät. Mit einem lauten Knall platzt der Anzug wie ein gasgefüllter Ballon, an den man ein Feuerzeug hält. Wir fliehen aus dem Männer-WC, bevor der olfaktorische Terror uns erreichen kann.

Meine Tochter steht mit überkreuzten Beinen vor mir. Mit dem Mut der Verzweiflung betrete ich daher das Frauen-WC. Im Vorraum (Frauen benötigen immer einen Vorraum) sitzt offenbar die Toilettenfrau. Aber auch diese ist nicht normal. Ich schüttele den Kopf. Zumindest in diesem sensiblen Bereich hätte ich mir etwas Normalität und nicht bis auf die Spitze getriebene Authentizität gewünscht.
Dann muss ich doch zunächst lachen. Dieses Geisterbahnmodel wurde perfekt in Szene gesetzt: Der Luftzugskragen sieht aus wie eine Rosette. Der in ihm herausragende Kopf sieht aus wie eine Hämorrhoidenerkrankung. Passenderweise ist alles in Blutsturzrot gehalten. Der Hämorrhoidenrosettenpanzer steht erbost auf, als er mich erblickt.
"Männer dürfen hier nicht hinein!", sagt sie und mustert mein T-Shirt und meine kurze Hose mit Abscheu.

"Der Flatulenzsofet ist geplatzt. Es geht nicht anders", erkläre ich und deute auf meine Tochter.
Bevor der Hämorrhoidendrache etwas antworten kann, bin ich mit meiner Tochter im Schlepptau in den WC-Raum verschwunden und schließe mich an Yeti-Sofetinnen vorbei in einem freien WC ein.

Nachdem meine Tochter sich erleichtert hat und wir wieder draußen sind, sagt meine Tochter "Papa, mir ist das hier unheimlich. Ich will wieder heim." So unglaublich das hier auch ist, ich stimme meiner Tochter zu.
Wir begeben uns auf die Suche nach dem Ausgang, um das erlebte Event zu vergüten. Immerhin haben sich die Betreiber der sofetischen Herbstgeisterbahn buchstäblich unheimlich Mühe gegeben und sich ihr Eintrittsgeld redlich verdient.

Wenn die Geisterbahn nie mehr endet

Trotz umfangreicher Suche können wir jedoch den Ausgang nicht finden, sodass wir schließlich wieder zum Eingang wandern. Glücklicherweise erblicken wir dort einen Bediensteten, der mit dem Rücken zu uns steht und sich an dem Eingangsportal zu schaffen macht. Endlich jemand, der offenbar normal gekleidet ist.
"Entschuldigen Sie", spreche ich den Mann an.

Als dieser sich umdreht, zucke ich zurück.
"Was soll das denn sein?", frage ich mit Blick in sein Papiermedusaantlitz.
Der Angestellte gibt sich unwissend. Ich werde ärgerlich.
"Hören Sie auf, sich dumm zu stellen. Wir haben jetzt wirklich genug gesehen. Wo kann ich das Eintrittsgeld bezahlen? Wir möchten jetzt nach Hause und haben uns alles angesehen in der Geisterbahn. Was soll das überhaupt darstellen?", schnappe ich genervt.

Der Mann schüttelt verständnislos den Kopf und die Papierstreifen rascheln. "Sie wissen doch selbst, dass man sich im Herbst* bei Luftzug unterkühlt und erkältet."
Meine Hand zieht Furchen durch mein Gesicht. So langsam reicht es.
"Kann ich ihnen das Eintrittsgeld geben?", frage ich und hole meine Brieftasche hervor.
Papierschnipsel rascheln wieder als der Mann den Kopf schüttelt. "Wieso Eintrittsgeld? Die Kirmes ist doch seit gestern zu Ende. Ich baue nur noch die letzte Kulisse ab."

Jetzt ist es an mir, ungläubig dreinzublicken. "Wieso? Wir haben doch die Geisterbahn besucht und die ganzen Horrorgestalten in ihren abstrusen Verkleidungen gesehen?"
Der Mann erstarrt. "Bitte? Sie haben lediglich den ganz normalen Stadtpark betreten. Es gibt keine Kirmes hier."

Allmählich beginne ich zu verstehen.
In einem Schockzustand, den keine Geisterbahn der Welt hervorrufen könnte, gehen wir schweigend zurück nach Hause. Zurück im vergleichsweise kühlen Heim fragt meine Tochter plötzlich, als wir noch im Flur stehen "Papa? Ist die Welt wirklich so schlimm geworden?"

Bevor ich antworten kann, klingelt es. Ich gehe zur Tür und öffne. Schreiend springe ich zurück und stolpere zu Boden.
Ein Yeti kommt in die Wohnung!
"Hallo Nachbar, alles okay? Ich wollte dir nur Bescheid geben, dass wir draußen den neuen Plutoniumgrill im Einsatz haben und du bist herzlich eingeladen."
Jetzt erst erkenne ich den Sofetennachbarn von nebenan.
Der Nachbar fröstelt in meiner Wohnung und verabschiedet sich eilig. "Ja, danke, Siggi", murmele ich paralysiert hinterher.
Ob die Welt schlimm geworden ist, hat meine Tochter gefragt ...
Ich beschließe, meine Frau zu fragen, die sich gewiss im Wohnzimmer befindet.

"Schatz, du glaubst nicht, was wir erlebt haben", beginne ich und erstarre. Ein Kleidungsmonster sitzt im Sessel. Nur an der Stimme erkenne ich, dass es sich um meine Frau handeln muss.

"Bevor ihr mir alles erzählt: Bitte stell die Heizung an, mir ist eiskalt!"





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