Die klimakatastrophische Midgardschlange kommt!

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Der Jetstream wird durch den Menschen selbst zur Midgardschlange. Und wir zu Thor, der mit ihr zu kämpfen gezwungen ist ... © Sawan kumar pandey auf en.wikipedia.org, Lizenz: CC BY-SA 4.0.
Der Jetstream wird durch den Menschen selbst zur Midgardschlange. Und wir zu Thor, der mit ihr zu kämpfen gezwungen ist ... © Sawan kumar pandey auf en.wikipedia.org, Lizenz: CC BY-SA 4.0.

Ihr schuppiger Laib ringelt sich bedrohlich wie eine Armee von Angreifern in Plattenrüstung, auf denen sich die grauenhafte Sonne* spiegelt. Kaskaden von rotglühender Hitze wandern in Wellen über die Oberfläche der Schlangenhaut. Die tapferen Kaltwetter-Asen spüren brüllende Hitze wie an einem typischen Sommertag heutzutage, wenn man bei 40 Grad die Haustür öffnet.

Nächste Woche kommt sie wieder, die Midgardschlange unserer Tage!
Was im Ragnarök, dem Weltuntergang der nordischen Mythologie, die Midgardschlange ist, das ist heute der Jetstream und seine Rossbywellen. Diese verändern sich durch die anthropogenen Treibhausgase und führen zum Alptraumwetter unserer Tage, vor allem im Treibhausgashalbjahr April - September mit dem höchsten Sonnenstand.

Wieso kommt es nächste Woche zur Hitzewelle?

Ich hatte in der Wetterprognose* erläutert, dass es kommende Woche zu einem Hitzepeak auf 850 hPa (1.500 Metern Höhe) kommt: Zurück in den Hitzekerker!

Schauen wir uns aber einmal die Gründe für den Hitzepeak genauer an und erkennen dabei die Kausalitäten der globalen Klimakatastrophe. Zwar ist der Hitzepeak auf 1500 Metern Höhe am Boden durch zumeist günstige Vorderseitenanströmung des Hochs aus Nordwest nicht so schlimm wie es hätte sein können, dennoch sind die Ursachen immer die gleichen in unserer neuen Epoche einer globalen Klimakatastrophe.
Egal, wo entlang sich die Midgardschlange auch räkelt, sie ist letztlich beobachtbar, real und vollführt vor unser aller Augen ihr zerstörerisches Werk. Man muss nur hinsehen!

Jetstream im Mai 2017 mit hochgradig gestörtem Verhalten aufgrund Verlangsamung durch fehlenden Temperaturkontrast zu den mittleren Breiten. Das Muster aus gleich 5 Rossbywellen gleichzeitig führt zur Resonanz (Unbeweglichkeit) des Jetstreams, wodurch sich bestehende Wetterlagen (Tief = Überschwemmungen, Hoch = Dürre und Hitze) immer weiter verstärken. © Meteociel.fr.
Jetstream im Mai 2017 mit hochgradig gestörtem Verhalten aufgrund Verlangsamung durch fehlenden Temperaturkontrast zu den mittleren Breiten. Das Muster aus gleich 5 Rossbywellen gleichzeitig führt zur Resonanz (Unbeweglichkeit) des Jetstreams, wodurch sich bestehende Wetterlagen (Tief in der Rossbywelle = Überschwemmungen, Hoch zwischen den Rossbywellen = Dürre und Hitze) immer weiter verstärken. © Meteociel.fr.

Der Jetstream ist normalerweise in früheren Klimazeiten ein Höhenband von starken Winden, die mehr oder weniger kreisrund um die Arktis kreisen. Durch den Hitzewahnsinn der Menschheit und die (in geologischen Zeitskalen) erfolgende Blitzaufheizung wird er langsamer, da der Motor - der Temperaturkontrast zwischen Arktis und unseren mittleren Breiten - immer mehr abnimmt da die Arktis sich durch den "polaren Verstärkungseffekt" bis zu 4x stärker erwärmt als die mittleren Breiten.
Ohne "Motor" wird der Jetstream langsamer und bricht dann in "Beulen" aus wie ein Kinderkreisel, der langsamer wird und zu eiern beginnt.

Diese "Rossbywellen" genannten Beulen extremisieren das Wetter*, da entlang der Wellenfronten Luftmassen geführt werden. Da es sich dabei nördlich der Jetstreamfront auch weit tiefer bis zum Boden um Tiefdruckgebiete und kühle Luftmassen handelt, bewegt sich die Luftzirkulation gegen den Uhrzeigersinn (um Tiefdruckgebiete auf der Nordhemisphäre drehen sich Winde immer gegen den Uhrzeigersinn, beim Hochdruckgebiet umgekehrt).
Um eine weit nach Süden reichende Rossbywelle wird somit zwar in der "Beule" arktische Kaltluft bis weit nach Süden geführt (im Bild oben links in den mit Ziffern bezeichneten Gebiete), aber zwischen zwei Rossbywellen tropische Luft weit aus dem Süden nach Norden verfrachtet. Dort herrscht also zwischen den Beulen Hitze und Dürre.

Wir erkennen im Twitterpost vom hippen Klimatologen Kai Kornhuber, dass genau das kommende Woche geschieht:

Wie gesagt scheinen sich die Südanströmungen und damit die Bodentemperaturen in Grenzen zu halten, weil am Ende die höheren Atmosphärebereiche mit dem Jetstream doch sich unterscheiden von der unteren Atmosphäre, der Troposphäre.

Dieses Muster taucht allerdings seit Jahren auf und die Mechanismen hatte ich bereits 2015 erarbeitet, als das noch nicht ganz so bekannt war: Der Golfstrom schwächelt und Deutschland versinkt deswegen in Hitze?.

Denn Deutschland liegt fast immer im Bereich zwischen zwei Rossbywellen und damit in der Hitze. Deswegen sind wir mittlerweile zusammen mit der Schweiz die weltweit schlimmste Region mit den höchsten relativen (nicht absoluten!) Erwärmungsraten: Europa - Klimaextreme überholen Prognosen (Scinexx.de).

Auch Prof. Rahmstorf als einer der weltweit führenden Forscher rund um den Golfstrom hat dies vor einiger Zeit erläutert (im unteren Bereich des Artikels): Stärkere Belege für ein schwächeres Golfstromsystem.

Ab- und Zunahme der Tage mit wellenförmigen Jetstream 1990-2013, 1995-2013 und 2000-2013, © Jennifer A Francis and Stephen J Vavrus, Evidence for a wavier jet stream in response to rapid Arctic warming, 2015.
Bereits 2015 zu erkennen: Zunahme der Tage mit wellenförmigen Jetstream in Europa. 1. Zahl: 1990-2013, 2. Zahl: 1995-2013 und 3. Zahl: 2000-2013. Inzwischen hat sich diese Entwicklung noch deutlich verschärft mit der bedrohlich sich entwickelnden Klimakatastrophe. © Jennifer A Francis and Stephen J Vavrus, Evidence for a wavier jet stream in response to rapid Arctic warming, 2015.

Warum ausgerechnet Deutschland? Weil die Treibhausgase nicht nur den Jetstream verlangsamen, sondern auch den Golfstrom abschwächen. Der Bereich südöstlich Grönlands, der berüchtigte "Kalte Fleck" ist die Folge davon und der einzige Punkt auf dem ganzen Planeten, der eine Abkühlung erfahren hat: AMOC und Windstress: Mögliche Erklärungen für den Kalten Fleck im Atlantik.
Die Rossbywellen scheinen sich so zu verhalten, dass über dem Kalten Fleck sich eine Rossbywelle geradezu magnetisch positioniert. Logischerweise ist östlich hinter der Welle ein Wellental, wo die Luft entlang der Rossbywelle tropische Luft von Süden nach Norden heranzieht und was liegt östlich vom Atlantik und Grönland? Deutschland/Europa!

Möglich ist auch, dass die Schematismen darüber hinaus gehen. Die östlichen USA liegen dabei im Treibhausgashalbjahr oft parallel geschaltet, synchronisiert mit uns: Auch dort liegt eine Rossbywelle in den zentralen USA, östlich dahinter an der Ostküste der USA die Südanströmung.
Da sich die Rossbywellen planetar verteilen, liegen die Muster oft so, dass ein Rossbywellental bei den östlichen USA ist, eine Welle bei Grönland und ein Tal (mit Hitze) wieder bei Deutschland usw. Diese Amplitude hat sich wohl als Folge von Kontinentalmassen und Kaltem Fleck herausgebildet.

Im Winter ändert sich dies mit der Bildung des Polarwirbels und die USA sind durch verschiedene Gründe (siehe Artikel Rätsel um die Kälte in den USA gelöst!) dann eher im Bereich einer Rossbywelle in arktischen Luftmassen und Deutschland aber nach wie vor in Südlagen ohne Winter.

Für kommende Woche werden am 15.09. herum zwar die üblichen knapp 30 Grad im Schatten in Ofenhessen erreicht durch die Hitzewelle der Midgardschlange, aber abseits davon gehen die Werte nicht so weit hoch, im Norden sowieso nicht mit dem Atlantikeinfluss, da merkt man genauer gesagt bei 17 Grad nichts von der Midgardschlange 😉

Die völlig abnorme Hitzeluftmasse durch das beschriebene Jetstreamverhalten zeigt sich hier in den farblich kodierten Temperaturanomalien auf 1.500 Metern Höhe Richttemperaturen:


Das Ringeln der Midgardschlange unterscheidet sich von Sommer zu Winter

Kai Kornhuber erwähnt im Twitterpost ein interessantes Detail: Die Midgardschlange ringelt sich unterschiedlich, je nachdem ob wir uns im Treibhausgashalbjahr (April - September) oder im Polarwirbelhalbjahr (Oktober - März) uns befinden. Die alten Jahreszeiten gibt es ja ohnehin nicht mehr durch die Klimaverschiebungen und die Faktoren der Klimakatastrophe, zumindest nicht südlich der Mainlinie.

Die Amplitude der Rossbywellen des eiernden Jetstreams verändert sich: Die zonalen Winde verstärken sich durch die alljährliche Bildung des Polarwirbels ab Mitte September. Das bedeutet, dass die Westwinde sich verstärken durch den Polarwirbel, die Wirkung der klimakatastrophischen Effekte des Jetstreams werden quasi abgeschwächt.
Die geschwächte Midgardschlange ringelt sich nun nicht mehr so aktiv: Statt 5 oder 6 gleichzeitigen Rossbywellen auf der ganzen Hemisphäre kommt es nur noch zu 4er-Mustern wie in der kommenden Woche.
Diese Muster führen jedoch zu einer Resonanz, also einem Stocken im Jetstream, der sich nicht fortbewegt und damit nicht die Wetterlagen ändert, die sich weiterhin hochschaukeln: Wetterextreme im Sommer 2018 waren verbunden durch stockende Riesenwellen im Jetstream (PIK).

(Klick auf Bild startet die Animation) Aktuelle Animation des Jetstreams mit stellenweise zu erkennenden abnormen Rossbywellenmustern inkl. der beschriebenen für kommende Woche. © <a target="_blank" href="http://www.meteociel.fr/modeles/gfse_cartes.php?mode=5&ech=6&carte=1" rel="noopener noreferrer">Meteociel.fr</a>.
(Klick auf Bild startet die Animation) Aktuelle Animation des Jetstreams mit stellenweise zu erkennenden abnormen Rossbywellenmustern inkl. der beschriebenen für kommende Woche. © Meteociel.fr.

Zurück zur Lage in Deutschland: Insgesamt verändern sich durch die verringerte Amplitude die Lagen der Rossbywellen geringfügig und sie tauchen zudem nicht mehr so häufig auf. Das erklärt, warum wir in den Vorjahren zwar durchaus immer wieder Südanströmungen durch Rossbywellen hatten mit abstrusen 20 Grad Ende Oktober, der uns Halloween versaut hat und ähnlichen Hitzeepisoden mit Temperaturen im Dezember, die wärmer als März waren: Klimabilanz Dezember 2015 (Deutschland): Klimatischer Fliegeralarm.

Unsere Chancen auf das Erleben früher normaler Klimate steigern sich also, sind aber beileibe nicht bei 100%.
Nach den Erläuterungen kann jeder selbst durch einfaches Zählen der Rossbywellen selbst herausfinden in den Prognosen, ob eine weitere anormale Hitze und Naturvernichtung durch Dürreeffekte auf uns zukommt oder nicht. Dazu eignet sich beispielsweise die französische Meteociel-Seite: Jetstream-Prognose.
Dazu bewegt man den Mauszeiger einfach über die Bullets der Stundenprognose links neben dem Bild und zählt die "Beulen" des Jetstreams.

Wie geht eigentlich die Geschichte mit der Midgardschlange aus?
Im dramatischen Sterben der Götter gegen das Böse im Ragnarök-Weltuntergang erschlägt der mächtige Thor zwar die Midgardschlange mit seinem berüchtigten Hammer Mjölnir, kommt aber nur 9 Schritte weit, bevor ihn das Gift der Schlange tötet:

Da schreitet der schöne Sohn Hlodyns
Der Natter näher, der neidgeschwollnen.
Muthig trifft sie Midgards Weiher;
Doch fährt neun Fuß weit Fiörgins Sohn.
Alle Wesen müssen die Weltstatt räumen.
(Quelle: Die "Edda")

Auch das Midgardschlangenmuster kommende Woche wird besiegt werden. Aber wieviele Jahresschritte weit werden wir als Menschheit kommen, bevor das Hitzegift uns tötet?
Letztlich ist die nordische Mythologie keine Prophezeiung für uns - und hoffentlich keine archetypische Beschreibung für Weltuntergänge, die am Ende zufälligerweise doch richtig sind. Die "heiße Lohe" kennen wir jedenfalls mittlerweile zur Genüge ...

Schwarz wird die Sonne*, die Erde sinkt ins Meer,
Vom Himmel fallen die heitern Sterne;
Glutwirbel umwühlen den allnährenden Weltbaum,
Die heiße Lohe beleckt den Himmel.
(Quelle: Die "Edda")




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