Kühlschiff Kaltwetter.com und die Alien-Rituale der Sommersonnenwende

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Das Raumschiff kaltwetter.com dringt in Hitze vor, die nie zuvor ein Mensch erlebt hat.
Das Raumschiff kaltwetter.com dringt in Hitze vor, die nie zuvor ein Mensch erlebt hat.

Sommersonnenwende!
Der Punkt, an dem die Sonne* ihren höchsten Punkt erreicht und an dem der Tag am längsten und die Nacht* am kürzesten ist. Ich seufze.
Denken wir anders und interpretieren diese deprimierenden Fakten um, dann wird ab jetzt der Tag (nach zwei, drei Tagen Stagnation) endlich wieder kürzer und die herrliche Nacht* länger. Gegen Ende Juli oder Anfang August wird man dies erst richtig bemerken.
Aber es ist ein Anfang, ein subtiles Zeichen, dass der Sommer im Moment seiner scheinbar allmächtigen Terrorgewalt bereits den Samen seines eigenen Kältetodes trägt.

Heiliges Sofetenritual: Das feierliche Entzünden des Grills vor dem Sonnenaltar. © <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hellen_ritual_(3).jpg" target="_blank" rel="noopener">YSEE auf commons.wikimedia.org</a>, Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en" target="_blank" rel="noopener">CC BY 2.0</a>
Heiliges Sofetenritual: Das feierliche Entzünden des Grills vor dem Sonnenaltar. © YSEE auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY 2.0

Ich betrachte Sommerfetischisten, die in der glühenden Hitze sich an den Händen fassen, um einen riesigen Grill wie tumbe Kreaturen einer anderen Spezies tanzen und dabei musikalische Helene Fischer-Perversionen grölen. Noch einige Millionen Jahre und der intelligente Teil unserer Spezies wird als Folge vermutlich seine Hörorgane evolutionär aus Überlebensgründen zurückentwickeln ...
Der Gedanke führt mich zu einem weiteren: Wie begehen wohl außerirdische Kulturen auf anderen Planeten die Sommersonnenwende? Sind alle Spezies so dumm wie der Homo sofensis? Oder führt der Besuch auf anderen Planeten zu der wohl kaum überraschenden Erkenntnis, dass die Mehrheit der Menschheit lediglich eine dümmliche Skurrilität im Universum bildet, quasi eine Kakerlake im kosmischen Maßstab?

Kurzentschlossen eile ich (soweit die Hitze es gestattet) in meine unterirdische Garage und steige in mein Kühlraumschiff Kaltwetter.com - eine Erinnerung an Zeiten mit Gleichgesinnten, als die Klimakatastrophe noch eine strittige Theorie war.
Rasch ist die Energie aktiviert, die Pulte füllen sich mit kaltem Licht. Das dumpfe Wummern der mächtigen Maschinen weckt Vertrauen in eine Technik, die ihrer Zeit Jahrhunderte voraus ist. Bei der Zielauswahl zögere ich. Wohin soll mich das Kühlschiff Kaltwetter bringen?

Innenraum des Kühlschiffs Kaltwetter.com mit Gefrierboxen.
Innenraum des Kühlschiffs Kaltwetter.com mit Gefrierboxen.

Leider gibt es keinerlei Informationen über die Kulturen auf den Zielplaneten, sondern lediglich Angaben, ob dort eine außerirdische Zivilisation existiert oder nicht ... Vulkanier können so unfassbar logisch sein. Und langweilig.

Schließlich entscheide ich mich zunächst für ein recht weit entferntes Sternsystem: Der "Granatstern" im Sternbild Kepheus, 5260 Lichtjahre entfernt. Gottlob überwindet mein Kühlschiff mit einem physikalischen Trick die Lichtgeschwindigkeitsgrenze, sonst hätte ich eine Reise vor mir, die 5260 Jahre dauern würde oder noch viel länger, wenn ich keine Lichtgeschwindigkeit mit 300.000 km pro Sekunde erreiche. Das Apollo-Raumschiff hat schlappe 40.000 km/h geschafft, das sind gut 11 km pro Sekunde ...
Der "Granatstern" ist ein M-Klasse-Stern. Auf dem zweiten seiner 5 Planeten zeigt meine Datenbank außerirdisches Leben an. Ich wähle also μ Cephei B im Zielcomputer und begebe mich in die Stasiskammer, die mich vor den Gefährdungen der Raumzeitkrümmung schützt. Sobald ich die Kammer betreten habe und mit einem breiten Grinsen eingefroren bin, aktiviert sich der Tarnschild und das Raumschiff verlässt den Planeten Erde.

μ Cephei B: Die grüne Hölle

Erst als das Kühlraumschiff Kaltwetter in die Umlaufbahn von μ Cephei B eintritt, werde ich aufgetaut. Nach einem kurzen Herrichten von Kleidung, Haaren und Aussehen (schließlich soll der Eindruck auf die Aliens nicht zu schlimm werden) betrachte ich den Panoramabildschirm meiner kleinen Kapsel. Seltsam grün wie eine verschlammte Kugel hängt der Planet im Netz der Raumzeit, gehalten von unsichtbaren Gravitationskräften der Sonne*, die in einem ungewohnt warmen Orange für das Licht des astronomischen Schauspiels sorgt.
Der Bordcomputer bestätigt die Anwesenheit von Lebensformen auf μ Cephei B und der im Schiff integrierte Transporter errechnet passende Zielkoordinaten auf dem Planeten. Da die Atmosphäre atembar ist, statte ich mich mit einem legeren Kampfanzug aus, einfach, um mich etwas sicherer zu fühlen.

Die Ankunft nach der Rematerialisierung ist wie ein Rückfall in den Sommer der Erde in Tropenhessen: Schwüle Hitze lässt mich taumeln. Alles ist grün. Die Riesenbäume um mich herum, die herumschwirrenden, skurrilen Insektenformen und sogar der durch das dichte Blätterdach gelegentlich sichtbare Himmel. Neben dem Pfeifen, Trällern und Brüllen ferner Tiere bemerke ich, wie Holz knackt und Blätterrascheln auf mich zukommt.

Lebensform auf μ Cephei B, © <a href="http://fpesantez.deviantart.com/art/Alien-design-Climber-461503903" target="_blank" rel="noopener">FPesantez auf deviantart.com</a>, Lizenz: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/" target="_blank" rel="noopener">CC BY-ND 3.0</a> (keine Veränderung!)
Lebensform auf μ Cephei B, © FPesantez auf deviantart.com, Lizenz: CC BY-ND 3.0 (keine Veränderung!)

Aus dem Dickicht bricht plötzlich eine entfernt humanoide Kreatur und bleibt überrascht stehen, als sie mich sieht. Das Wesen wechselt die Hautfarben fließend von einem dunklen Blau zu dem alles umgebenden Grün und zurück und ich frage mich, ob dies eine bloße Tarnung ist oder sich Gefühle in den wirren Farben abbilden. Die schlanken Beine enden in nur zwei langen Zehen. Der Kopf erscheint einem Menschen furchteinflößend, denn ein Knochenkamm und Augenwülste, die die kleinen Augen bösartig erscheinen lassen, wirken dann doch etwas befremdlich. Im Vergleich zu den seltsamen Tentakeln, die wie überlange Zähne aus dem Mund hängen, sind sie jedoch noch geradezu harmlos.
Ich denke mir, dass Sofeten mir noch weit fremdartiger erscheinen, hole meine gute Kinderstube heraus und glänze mit der Vorurteilsfreiheit eines naiven Menschen.
»Guten Tag, ich komme vom Planeten Erde und würde gerne mehr darüber erfahren, welche Sitten Sie zur Sommersonnenwende haben.« Ich lächle und hoffe, dass dies keine unbeabsichtigte Beleidigung darstellt. Der Babelfisch-Übersetzer in meinem Ohr und meinem Kehlkopf übersetzt die Worte in Echtzeit in die hier gängige Sprache und ich wundere mich, dass mein Kehlkopf bei den Krächzlauten, die er plötzlich produziert, nicht vor Verzweiflung den Hals verlässt.
Der Außerirdische bleibt regungslos, dann zuckt er mit seiner dreigliedrigen Klaue wild in der Luft herum und krächzt los.
»Häßlicher Fremder, du sprichst Gaggschlot.« Mit einem Piepser weist mich mein Babelfisch im Ohr darauf hin, dass das letzte Wort ohne weitere kulturelle Informationen unübersetzbar ist. Ich vermute jedoch, dass der Außerirdische den Begriff der Sommersonnenwende nicht kennt. Ich versuche mein Bestes und erkläre ihm, dass die Sommersonnenwende der höchste Punkt der Sonne* ist und die heißeste Zeit des Jahres.

μ Cephei B: Kein Planet, um länger zu verweilen, egal ob Sommersonnenwende oder nicht ...
μ Cephei B: Kein Planet, um länger zu verweilen, egal ob Sommersonnenwende oder nicht ...

Der Außerirdische pustet seine Tentakel nach vorne, die wie ein Fächer aufgehen.
»Ja, ich verstehe. Das ist der Zeitpunkt des Ztargzr-Festes«, der Babelfisch piept wieder, »wenn unsere Götter auf ihrer Straße aus Blut auf unseren Altären Platz nehmen.«
Götter. Altäre. Blut. Kommt mir vertraut vor aus der Geschichte. Ich schlucke. Visionen von monströsen, nebelgeschwängerten Mayatempeln in wuchernden und schwärenden Regenwäldern, Jaguarkriegern mit Obsidianmessern, die Opfer für ihre Alptraumgötter suchen, kommen mir in den Sinn.
»Wir haben die Zeit kurz vor dem Ztargzr«, krächzt der Außerirdische. »Und meine Aufgabe ist es, für Blut zu sorgen.« Mit einem elektronischen Sirren schiebt sich eine Waffenlafette vom Rücken auf die Schulter und visiert mich mit ihrem glotzenden Auge an.
Fluchend werfe ich mich herum und renne in das Dickicht des Waldes. Bei einem Blick über die Schulter sehe ich noch, wie der Außerirdische mit grotesken, hastenden Sprüngen hinter mir herwetzt. Eine Detonation neben mir motiviert mich, trotz der allgegenwärtigen Hitze das Maximum aus meinen Sprinterfähigkeiten zu holen. Ein hohler Riesenbaum verschafft mir die Gelegenheit, mich zu verstecken und ich höre noch, wie der Außerirdische vorbeihetzt. Dann wage ich es, per Stimmkommando mein Kühlraumschiff zu rufen und mich zurückbeamen zu lassen.

Wütend blicke ich auf die Panoramascheibe und die grüne Schlammkugel μ Cephei B. Welch ein Reinfall! Eine harmlose Frage und man endet gleich auf den Altären primitiver Gottheiten.
Die Sommersonnenwende als krudes Schlächterritual für grausame Götter! Und ich hatte gedacht, nur die Menschheit wäre primitiv. Ich schüttele den Kopf und wende mich einem vielversprechenderen Ziel zu.

Lambda Herculis C: Der Planet mit falscher Achse

Vielleicht sollte ich nicht so weit entfernte Sternensysteme auswählen, sondern näher liegende. Vielleicht ist es wie auf der Erde: Je näher man am eigenen Kulturkreis bleibt, umso mehr Parallelen und Gemeinsamkeiten tun sich auf. Also wähle ich dieses Mal den nur 370 Lichtjahre von der Erde entfernten Stern Lambda Herculis aus. Der K-Stern ist zwar etwas heißer als ein M-Stern, aber ich wage den Versuch dennoch.
Nach der üblichen Reiseprozedur in Stasis blicke ich bald darauf auf einen Planeten Lambda Herculis C herab, der angenehm normal wirkt in seiner Mischung aus blauen Ozeanen, weißen Wolken und den dunklen Schatten der kontinentalen Landmassen. Beinahe fühle ich mich an die Erde erinnert.
Der Bordcomputer setzt mich auf einer Art Marktplatz ab. Zwischen seltsam organisch wirkenden Objekten mit Wabenstrukturen, die vermutlich Gebäude sind, stapfen Wesen umher, die wie humanoide Dinosaurier wirken und mindestens doppelt so groß wie Menschen sind. Auch wenn die Kulisse fremdartig anmutet, sieht es nicht danach aus, als wolle man mich zur Sommersonnenwende hier für Götter ausbluten lassen! Das Klima* ist angenehm kühl*, ungefähr wie ein Herbst* in Kanada.

Einwohner von Lambda Herculis c: Freundlich, aber leider mit falscher Achse. © <a href="http://fpesantez.deviantart.com/art/Alien-Head-shot-482351886" target="_blank" rel="noopener">FPesantez auf deviantart.com</a>, Lizenz: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/" target="_blank" rel="noopener">CC BY-ND 3.0</a> (keine Veränderung!)
Einwohner von Lambda Herculis c: Freundlich, aber leider mit falscher Achse. © FPesantez auf deviantart.com, Lizenz: CC BY-ND 3.0 (keine Veränderung!)

Zuversichtlich trete ich auf eine der Kreaturen zu, die meine Ankunft überhaupt nicht aus der Ruhe bringt. Ich bemerke beiläufig, dass der Boden warm* und weich ist, als schreite man auf einer Leber und dass er auch eine ähnliche Farbe aufweist.
»Bitte entschuldigen Sie, ich würde gerne erfahren, ob Sie hier die Sommersonnenwende feiern.« Mein Babelfisch übertragt meine Gedanken an meinen Kehlkopf, der nun harte Worte ausstösst, die allerdings im Kontrast dazu in einer Art Singsang geäußert werden.
Das Wesen vor mir hat einen kahlen Kopf, wie viele hier, besitzt vier Augen und einen senkrechten statt waagerechten Mund.
»So etwas ist mir nicht bekannt, tut mir leid.«
Mist! Schon wieder habe ich Pech. Aber ich gebe erneut nicht auf, immerhin scheint diese Zivilisation auf Lambda Herculis C höflich zu sein. Ich erkläre die Sommersonnenwende und es dauert eine Weile, bis der Babelfisch das astronomische Konzept vermittelt hat. Die feingliedrigen Finger meines außerirdischen Gesprächspartners zucken in einem wilden Gestentanz, dessen Bedeutung mir verborgen bleibt, während sein Singsang von meinem Babelfisch übersetzt wird.
»Ich verstehe, aber es tut mir sehr leid für Sie. Dieser Planet verfügt über keine schwankende Achse, sodass wir keine Veränderungen unseres Klimas durch die Zeitvariable aufweisen. Das Klima* bleibt hier immer gleich.« Es deutet auf den Himmel und kurz fühle ich mich in einen alten Science-Fiction-Film aus den 1980er Jahren versetzt.
»Möchten Sie nach Hause telefonieren?«, frage ich das Wesen und ohrfeige mich innerlich im gleichen Moment für diese dämliche Frage.
Pikiert zuckt der Kopf der Kreatur zurück und vier Augen blinzeln irritiert.
Ich entschuldige mich mit leicht gerötetem Antlitz und versetze mich wieder in mein Raumschiff.

Wieder nichts!
Diesmal aus astronomischen Gründen. Ich suche mir unter den Milliarden Planeten, die mir zur Verfügung stehen, ausgerechnet einen aus, der über keine schiefe Achse verfügt, sodass sich auch keine Jahreszeiten durch die unterschiedliche Sonneneinstrahlung bilden können. Brillant!
Mund abputzen und weitermachen.
Ich setze mich wieder vor den Bordcomputer und wähle mein nächstes Ziel.

Anser B: Wohnungstausch

Das nächste Ziel erblicke ich, als mich der Bordcomputer aufgetaut hat: Ein roter Riese namens "Anser" strahlt über den Panoramabildschirm, dass die Planeten kaum auffallen.
Alpha Vulpeculae, so sein korrekter Name, im Sternbild Fuchs war 300 Lichtjahre von der Erde entfernt und der zweite Planet schien vielversprechend laut Bordcomputer. Der Planet selbst sah ungewöhnlich aus. Die nördliche Hemisphäre leuchte im Kontrast zum roten Riesen in einem kühlen Hellblau, was auf Eis und Schnee* deutete. Die südliche Hemisphäre jedoch bestach durch grüne Kontinente und tiefblaue Ozeane. Allerdings schienen sich beide Hemisphären an den äquatorialen Grenzen zu vermischen.

Der Bordcomputer setzt mich direkt vor einem Gebäude ab, das sich hoch über meinen Kopf türmte. Die konische Form und Wabenähnliche Strukturen ließen mich vermuten, es handle sich um ein Wohngebäude, doch zwei Kreaturen vor dem Gebäude lenkten mich von meinen Gedanken ab.

Das weiße Monster von Anser B: Entrüstet über das Verhalten von Sommerfetischisten! © <a href="http://fpesantez.deviantart.com/art/Monster-In-The-Snow-396953187" target="_blank" rel="noopener">FPesantez auf deviantart.com</a>, Lizenz: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/" target="_blank" rel="noopener">CC BY-ND 3.0</a> (keine Veränderung!)
Das weiße Monster von Anser B: Entrüstet über das Verhalten von Sommerfetischisten! © FPesantez auf deviantart.com, Lizenz: CC BY-ND 3.0 (keine Veränderung!)

Eine der beiden schien ein seltsames, riesiges weißes Wesen mit einem runden, zahnbesetzten Maul zu sein. Durch seine weiße Hautfarbe und den amorphen Körper mutete es wie ein Lovecraftscher Alptraum an. Die andere Kreatur war eindeutig insektoid. So insektoid, dass die Komposition aus Facettenaugen, Fühlern und behaartem Chitin auf meine menschlichen Augen äußerst gewöhnungsbedürftig wirkten, zumal auch diese Kreatur größer als ein Mensch war.
Die beiden schienen in eine hektische Unterhaltung vertieft zu sein, sodass sie mich nicht bemerkten oder ich ihnen zu klein oder gleichgültig war.
Ich nahm meinen Mut zusammen, registrierte beiläufig den glühend roten Himmel, an dem der rote Riese wie ein blutendes Auge hing und stapfte durch die hohen Gräser auf die Beiden vor dem Wabengebäude zu. Der Bordcomputer hatte mich offensichtlich in der südlichen Hemisphäre abseits der Eishälfte der Welt abgesetzt.
Mein Babelfisch übersetzte nach anfänglichen Schwierigkeiten die Unterhaltung für mich.
»Es wird Zeit! Der Vertrag ist gültig und hormonell ratifiziert. Sie müssen die Wohnung räumen.« Das weiße Monster globberte und zuckte aufgeregt mit stachligen Fortsätzen.
Das Insektenwesen flirrte heftig mit den Fühlern und fixierte seinen Gegenpart mit kalten Facettenaugen. »Ich weiß, aber meine Brüder und Schwestern brauchen noch etwas Zeit.« Es deutete mit hakenbewehrten Chitinbeinen auf den Himmel, wo ich erst jetzt sah, dass viele der insektoiden Kreaturen wie Bienen in Flugzeuggröße geschäftig umherschwirrten.
»Zeit!«, brummte das Monster mit seinem runden Maul. »Haben Sie eigentlich eine Ahnung, wie viel Zeit es kostet, Ihre Umbauten in dem Haus rückgängig zu machen, damit es für normale Wesen wieder bewohnbar wird?«
Das Insektenwesen trippelte und schien aufgebracht. »Das ist wieder typisch Eiswomper! Sich immer nur beschweren, aber die Rituale der Sommersonnenwende missachten!«, schnarrte es pikiert.

Sommersonnenwende!
Endlich schien ich den richtigen Planeten gefunden zu haben. Enthusiastisch mischte ich mich in die Unterhaltung ein, doch bevor ich dazu kam, motzte mich das weiße Monster an.
»Und was wollen Sie? Mir etwa Misthaufenheizungen andrehen?«, knurrte es.
»Sie verwechseln mich offenbar. Ich stamme von einem fernen Sternensystem und würde gerne mehr über Ihre Sommersonnenwenderituale erfahren«, erklärte ich mit fester Stimme. Was zur Hölle war eine Misthaufenheizung?

Anser B: Freundliches, aber Wohnungsschlampiges Insektengeschöpf
Anser B: Freundliches, aber Wohnungsschlampiges Insektengeschöpf

Das weiße Monster schnaubte. »Da kommen Sie genau richtig. Dieses hitzepervertierte Chitinwesen will sein Haus nicht räumen!«
Das angesprochene Wesen klickte mit den Fühlern. »Sie müssen die Grobheit dieses eisverwirrten Berges entschuldigen, Fremder. Verstehen Sie, für uns ist die Sommersonnenwende das Zentrum unserer Existenz. Unser Planet hat eine extreme Achse, sodass die Jahreszeiten auf den beiden Hemisphären unseres Planeten sich ebenso extrem unterscheiden. Auf der Nordhalbkugel herrscht strengster Winter, ein furchtbarer Ort.«
»Ein traumhafter Ort«, verbesserte das weiße Monster entrüstet.
»Ein furchtbarer Ort«, wiederholte das Riesen-Insekt. »Aus diesem Grund wechseln wir zur Sommersonnenwende die Planetenhälfte, denn die Jahreszeiten folgen sehr rasch aufeinander und es benötigt einige Zeit, bis unsere unterschiedlichen Spezies die Wohnorte getauscht haben.«

Das war äußerst faszinierend!
Dieser Planet schien über zwei vollkommen unterschiedliche Spezies zu verfügen, die jedes halbe Jahr zur Sommer- und Wintersonnenwende die Orte auf der jeweiligen Planetenhälfte tauschten. Das weiße Monster schien Kälte zu lieben, das Insekt verständlicherweise jedoch Hitze.
»Ja, wir tauschen unsere Wohnorte aus und es ist genau festgelegt, wer welches Haus bekommt - allerdings bleibt uns Kälteliebhabern wie immer die Arbeit, weil die Hitzepervertierten einfach nicht ihre Wohnung so verlassen, wie sie sie vor einem halben Jahr vorgefunden haben!«
Der Streit brach wieder aus. Ich verkniff mir die Bemerkung, dass ich das weiße Monster sehr gut verstünde, immerhin war das Insektenwesen sehr freundlich zu mir gewesen. Daher überließ ich die beiden Einwohner von Anser B ihrem Streitgespräch und beamte mich wieder in mein Kühlraumschiff Kaltwetter.

Wer hätte das gedacht? Eine planetenweite Symbiose aus kälte- und hitzeliebenden Kreaturen. Das klang geradezu wie gemacht als Lösung auch für die Erde. Man machte sich zur Sommersonnenwende auf, um im Herbst* dann nach der langen Reise die andere Planetenhälfte zu erreichen. Die Sommerfetischisten verblieben in der jeweils heißen Hälfte, die normalen Menschen in der kühleren. Ich schnaubte. Es wäre keine Überraschung, wenn man seine Halbjahreswohnung in einem furchtbaren Zustand anträfe. Überall Grillkohle, peinliche Rattanverkleidungen, sich verflüssigende Zimmerwände, weil die Heizung trotz der warmen Außentemperaturen auf höchste Stufe geschaltet war. Allmählich verstand ich den Groll, den das weiße Monster gegen die insektoide Kreatur gehegt hatte.

Al Sharasif D: Die Eis-Madonna

Zeit für die nächste Forschungsreise in Sachen Sommersonnenwende!
Dieses Mal wählte ich einen ungewöhnlichen Stern der Spektralklasse A mit höherer Oberflächentemperatur, aber blauer Farbe namens Al Sharasif im Sternbild Becher, der 200 Lichtjahre von der Erde entfernt war. Der vierte Planet befand sich in weitem Abstand vom heißen Zentralgestirn und glitzerte bereits aus dem Weltraum in einem vielversprechenden, kühlen Weißblau, das Lust auf eine nähere Erforschung machte.

Al Sharasif D: Zauber einer eisigen Welt, © <a href="http://fpesantez.deviantart.com/art/Snow-landscape-Sci-fi-fantasy-411303158" target="_blank" rel="noopener">FPesantez</a>, Lizenz: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/" target="_blank" rel="noopener">CC BY-ND 3.0</a> (keine Veränderung!)
Al Sharasif D: Zauber einer eisigen Welt, © FPesantez, Lizenz: CC BY-ND 3.0 (keine Veränderung!)

Nach der üblichen Prozedur fand ich mich tatsächlich auf einer weißen Ebene des Planeten wieder. Glücklicherweise hatte mich der Computer auf die hier herrschenden Traumtemperaturen von -30 Grad hingewiesen, sodass ich eine leichte Winterjacke mit Kapuze übergezogen hatte. Mit leuchtenden Augen betrachtete ich vom Schneeplateau aus die Landschaft. Eisige Felsnadeln stachen in den Himmel, der mit typischen Schneewolken bedeckt war. In der seelenwärmenden Dunkelheit erhellte der Schnee* und das Eis eine Landschaft aus meinen Träumen, wie man sie auf der überhitzten Erde nicht mehr kennt.
Kälteversonnen stand ich nun im Schneewirbel und genoss den Augenblick.

»Willkommen in unserem Kältereich aus eisigen Wundern«, erklang eine weibliche Stimme, die der Babelfisch problemlos übersetzte.
Ich zuckte herum. In meiner Faszination über diese Welt hatte ich ihre erste Bewohnerin völlig übersehen. Ich musterte das humanoide Wesen, welches beinahe ein Mensch hätte sein können. Doch seltsame Implantate bedeckten ihre Augen und Teile des Kopfes. Für einen Moment fielen mir die Borg aus "Star Trek" ein, allerdings nur für einen Moment, denn das Wesen wirkte alles andere als feindselig oder gar kalt*. Ihre Stimme war warmherzig und freundlich und ihre Gestik hatte etwas von einer Schneepriesterin.
»Vielen Dank«, antwortete ich. »Ich komme vom Planeten Erde und versuche, mehr über die Sommersonnenwende zu erfahren.«
Die Eis-Madonna, wie ich Sie in Gedanken nannte, breitete bedauernd die Arme aus. »Oh, dies ist ein blasphemisches Thema, fürchte ich.« Sie trat mit wiegenden Schritten auf mich zu, die seltsam erotisch wirkten.
»Aber ich werde es Euch erklären, da Ihr ein rätselhafter Fremder seid.« Blaue Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.
»Wir lieben unseren Planeten und die Kälte, die Zauber aus Eis und Schnee*. Und wir hassen die Sonne* und ihr Licht, sodass wir bereits bei der Geburt augenlos auf der Weltenbühne aus Eis und Schnee* erscheinen. Implantate gestatten uns, die Schönheit unserer Welt zu erblicken und gleichzeitig die gräßliche Sonne* auszublenden, wann immer wir es wünschen. Wir befinden uns am Vorabend der Sommersonnenwende. Es ist noch relativ warm* und wir ersehnen den Winter.« Sie liebkoste mit graziler Handführung die wundervolle aquamarinfarbene freie Haut. »Ist Euer Planet auch so schön?«
Ich schüttelte bedauernd den Kopf, während ich von den Informationen begeistert war. Eine kälteliebende Spezies voller Anmut! »Leider hat der Großteil meiner Spezies keinen Sinn für die Subtilität von Winter, Schnee* und Eis. Meine Welt steht unter dem Licht einer grellen, gelben Sonne und wird durch Hitzeliebhaber verbrannt. Schnee und Eis sind uns beinahe unbekannt geworden.«

Die Eis-Madonna auf Al-Sharasif D. © <a href="http://fpesantez.deviantart.com/art/Madonna-of-Sorrow-437479635" target="_blank" rel="noopener">FPesantez auf deviantart.com</a>, Lizenz: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/" target="_blank" rel="noopener">CC BY-ND 3.0</a> (keine Veränderung!)
Die Eis-Madonna auf Al-Sharasif D. © FPesantez auf deviantart.com, Lizenz: CC BY-ND 3.0 (keine Veränderung!)

Das anmutige Eiswesen schien bestürzt von dieser Nachricht. Doch kein Wort belangloser Platitüden kam über ihre Lippen. Stattdessen trat sie noch näher an mich heran und schenkte mir einen eisigen Kuss wie von einer nordischen Göttin. »Bleibt, solange Ihr wünscht, bedauernswerter Fremder«, hauchte sie, bevor sie wieder zurücktrat.
Verzaubert nickte ich und zusammen genossen wir schweigend den Blick auf ihre wundervolle Welt. Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich neben meiner Eis-Madonna die Wunder von Al Sharasif D in mich aufgenommen habe, doch irgendwann reaktivierte sich die automatische Rückholsicherung des Bordcomputers meines Kühlschiffs. Ich winkte zum Abschied mit Tränen in den Augen und fand mich kurz darauf in meinem Raumschiff wieder.
Es dauerte eine Weile, bis ich meine Gefühle wieder unter Kontrolle bekam, doch ich wusste, es war gut, dass der Computer mich wieder zurückgeholt hatte. Wer weiß, vielleicht wäre ich sonst für immer dort unten geblieben ...

Mehr, um mich abzulenken als wirklich Lust auf mein neues Ziel zu haben, wählte ich gedankenlos einen beliebigen Planeten als nächste Station meiner Forschungsreise in Sachen Sommersonnenwende.

Duhr C: Die Klimakatastrophe

Mein Raumschiff hatte mich zum Ziel meiner Zufallswahl geführt: Duhr, auch Delta Leonis genannt. Das Sternensystem lag im Sternbild Löwe und war lediglich 60 Lichtjahre von der Erde entfernt. Der A-Klasse-Stern sah wie Al Sharasif vielversprechend blau aus, vielleicht etwas grauer als blau. Hatte ich das Glück, erneut einen Eisplaneten zu entdecken und erneut solch ein zauberhaftes Wesen wie die Eis-Madonna?
Der dritte Planet sah vielversprechend aus - Wolken und eine graue Planetenfarbe schlossen Eis und Schnee zumindest nicht aus. Ich bereitete mich vor, wählte ein leichtes Winteroutfit für die Reise nach unten und landete in einer Hölle!

Duhr C: Eine Welt nach der Klimaapokalypse und eine Vision der Zukunft der Erde? © <a href="http://fpesantez.deviantart.com/art/Space-Marine-Zombie-413533553" target="_blank" rel="noopener">FPesantez auf deviantart.com</a>, Lizenz: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/" target="_blank" rel="noopener">CC BY-ND 3.0</a> (keine Veränderung!)
Duhr C: Eine Welt nach der Klimaapokalypse und eine Vision der Zukunft der Erde? © FPesantez auf deviantart.com, Lizenz: CC BY-ND 3.0 (keine Veränderung!)

Eine verwüstete Landschaft aus zertrümmerten Gebäuden, verbogenem Metall und ein schwarzer Himmel, aus dem ein öliger Regen tröpfelte, schockierte mich. Eine Horrorgestalt lief auf mich zu und brüllte etwas. Der Babelfisch übersetzte, doch unter dem Schock des Gesehenen dauerte es einen Sekundenbruchteil bis ich die Worte wahrnahm. »In Deckung!«
Die humanoide Gestalt sah wie ein Zombie aus, denn eine Skelettfratze grinste mich unter einem Soldatenhelm an und ein Arm war bereits abgerissen. Er sprang auf mich zu und riss mich um. An der Stelle, wo ich gestanden hatte, schlug eine Granate ein und warf Trümmerteile in die Luft.
Der Zombiesoldat hatte mich hinter den Rest einer Stahlwand umgeworfen, die uns vor dem Schrapnellhagel schützte. Meine Ohren klingelten von der Explosion.
»Wer sind Sie? Was machen Sie hier«, brüllte mich der Zombiesoldat an.
»Ich, ich komme von weit her, vom Planeten Erde und würde gerne etwas über ihre Sommersonnenwende erfahren«, stammelte ich traumatisiert.
Die Skelettfratze erstarrte, dann hustete sie, was mein Babelfisch uncharmant als "Auslachen" kommentierte. »Sommersonnenwende? Hier herrscht ein ewiger Krieg, Sie Narr! Eine globale Klimakatastrophe hat den gesamten Planeten verwüstet. Wir geben einen Dreck auf astronomische Phänomene und kennen keine Sommersonnenwende und nicht einmal mehr die Sonne. Hier gibt es nur 425 Tage im Jahr Leid und Tod. Eine unbarmherzige Militärindustrie lässt uns nicht einmal sterben, wenn wir fallen, sondern belebt uns künstlich mit Nanorobotern wieder.«
Ich begriff, während um uns herum Granatensalven den Boden aufrissen.
Der Zombiesoldat lud sein Gewehr nach. Ein letztes Mal drehte er sein grauenvolles Gesicht zu mir um. »Verschwinden Sie hier, bevor sie rekrutiert werden!« Dann verließ er die Deckung und wurde vor meinen Augen von einer weiteren Granate zerfetzt. Nur Augenblicke später tauchte ein fremdartiges metallenes Insekt auf, suchte seine Überreste zusammen und flog mit ihnen davon.
Mit zitternden Fingern kontaktierte ich mein Raumschiff und floh von diesem Planeten.

Zurück an Bord bedurfte es einiger beruhigenden Tees und eines Baldriankonzentrates, um meinen Adrenalinspiegel mit Millionenwerten wieder auf ein normales Maß abzusenken, während ich auf den grauen Planeten Duhr C unter mir hinabblickte. Ein seltsames Gefühl wollte mir weismachen, dass dies auch die Erde in einigen Jahrzehnten sein könnte. Doch dann verdrängte ich diese Vision und spielte mit dem Gedanken, nach dieser jüngsten Erfahrung zur Erde zurückzukehren. Ich schüttelte den Kopf. Das astronomische Abenteuer nach der Sommersonnenwende wollte ich nicht mit solch einem negativen Schlussakkord beenden und suchte mir so schnell wie möglich das nächste und letzte Ziel.

Zeta Reticuli A: Der Sitnikovplanet

Ich hatte mir ein recht bekanntes Sternsystem ausgesucht: Zeta Reticuli. Seine Bekanntheit erfuhr es mit einem der Berichte von Entführungsfällen durch Außerirdische*. So gaben Betty und Barney Hill 1961 an, von Außerirdischen, die sie als "Greys" bezeichneten, entführt worden zu sein. Dabei soll Betty Hill auch eine Sternenkarte der Herkunft dieser Wesen gesehen haben und sie identifizierte Zeta Reticuli als deren Heimat.
Das weitaus Interessantere war, dass es sich um ein Doppelsternsystem mit nur einem einzigen Planeten handelte. Dieser stellte sich aus dem Orbit als schwarze Kugel dar, auf dem es diamanten glitzerte. Eine Nachtwelt? Möglicherweise waren die beiden unserer Sonne ähnlichen G-Sterne, die den Planeten geradezu in die Zange nahmen, der auf Zeta Reticuli A lebenden Spezies zu hell.

Neugierig machte ich mich bereit und wählte angesichts einer nur schwer atembaren Atmosphäre eine leichte Atemmaske mit und zog angesichts von angenehmen 10 Grad auf Zeta Reticuli A nur leichte Kleidung an.

Künstliche Lebensform auf dem äußerst komplizierten Sitnikovplaneten Zeta Reticuli A. © <a href="http://fpesantez.deviantart.com/art/Bio-droid-Concept-01-480039905" target="_blank" rel="noopener">FPesantez auf deviantart.com</a>, Lizenz: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/" target="_blank" rel="noopener">CC BY-ND 3.0</a> (keine Veränderung!)
Künstliche Lebensform auf dem äußerst komplizierten Sitnikovplaneten Zeta Reticuli A. © FPesantez auf deviantart.com, Lizenz: CC BY-ND 3.0 (keine Veränderung!)

Meine Vermutung täuschte mich nicht, als ich auf Bodenniveau materialisierte: Der Himmel war pechschwarz. Ich stand auf einer weiten, ebenen Fläche aus schwarzem Metall, das in eckigen Blöcken unterschiedlicher Größe wie eine Art Computerplatinenpflaster angeordnet war und zwischen denen eingelassene, grüne Lichter blinkten.
»Identifizieren Sie sich!«, schnarrte eine Stimme hinter mir.
Ich drehte mich um und erblickte eine offenbar künstliche Lebensform. Der Droide schien vermutlich über eine künstliche Intelligenz zu verfügen. Eine Roboterzivilisation! Faszinierend. Ich stellte mich also vor und nannte meinen Herkunftsplaneten.
»Planet Erde. 0100100110111001101010 ist uns bekannt. Wir haben bereits Daten über Ihre Spezies gesammelt«, dröhnte die Droidenstimme.
»Ach?«, antworte ich mit schwacher Stimme und mir fiel wieder die Geschichte von Betty und Barney Hill ein.
»Positiv. Willkommen auf 10001011101101010101010.«
»Danke.« Diese außerirdischen Droiden mussten wohl alles binär bezeichnen, was es für den Babelfisch unübersetzbar machte.
»Was ist Ihre Absicht auf unserem Planeten? Handel? Eroberung? Kontaktaufnahme?«, erklang die gefühllose Stimme wieder und die Augen blitzten beim Abscannen meines Körpers - vermutlich auf Waffen.
»Oh, ich befinde mich auf einer Reise, um mehr über die Sommersonnenwende herauszufinden. Ich fürchte, da werden Sie mir wohl nicht helfen können.«
»Wissenserwerb ist ihr Begehr. Positiv. Unsere Rituale über die Sommersonnenwende sind sehr komplex und äußerst faszinierend«, überraschte mich der Droide völlig.
»Ach?«, stammelte ich wieder.
»Positiv. Unser Sternensystem ist ein Sitnikov-Planet. Sind Sie mit den astronomischen Grundlagen dieses Konzeptes vertraut?«
»Äh, nein«, murmelte ich kleinlaut und kam mir wie in der Schule vor, wenn mich der Lehrer im Mathematikunterricht zurechtgewiesen hatte.

Problemfall Sitnikov-Planet (M3) in einem Doppelsternsystem aus Stern M1 und M2, wodurch sich der Planet nur auf einer Z-Achse bewegt und die Jahreszeiten unvorhersehbar werden. © <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sitnikov_Problem_Konfiguration.jpg" target="_blank" rel="noopener">Moneo auf commons.wikimedia.org</a>, Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/deed.en" target="_blank" rel="noopener">CC BY-SA 2.5</a>
Problemfall Sitnikov-Planet (M3) in einem Doppelsternsystem aus Stern M1 und M2, wodurch sich der Planet nur auf einer Z-Achse bewegt und die Jahreszeiten unvorhersehbar werden. © Moneo auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 2.5

Der Droide drückte einen Schalter auf seinem Arm und ein holografisches Bild in bestechender Klarheit baute sich vor meinen Augen auf. Es zeigt die beiden Sterne von Zeta Reticuli und den Planeten, auf dem ich mich befand.
»Unser Planet befindet sich genau im Gravitationsschnittpunkt der beiden Sterne. Daher bewegt er sich nicht um die Sterne kreisförmig oder elliptisch herum, sondern lediglich auf und ab«, erklärte der Droide.
»Wie ein Fahrstuhl«, murmelte ich.
Der Droide stutzte, schien interne Datenspeicher zu aktivieren, die der Erde vorbehalten waren und nickte dann. »Positiv. Wünschen Sie weitere Informationen?«
»Positiv«, passte ich mich der kalten Sprachlogik dieser Welt an.
»Je nach Gravitationseinwirkung der beiden Sterne ergeben sich äußerst komplexe Jahreszeiten. Wir besitzen exakt 246 Definitionen der von Ihnen bezeichneten "Sommersonnenwende", je nachdem wie viel Gravitation von jedem der beiden Sterne auf unseren Planeten einwirkt.«
246 Arten von Sommersonnenwenden? Mein Unterkiefer klappte vor Staunen auf und ich studierte das holographische Bild, das der Droide mir zeigte. Nach einer halben Stunde Diskussion war mir das ganze Konzept immer noch nicht klar. »Können Sie mir ein Beispiel nennen?«, fragte ich schon beinahe aus Verzweiflung.
»Positiv. Beispielsweise befinden wir uns soeben in einer Omega 42-Sommersonnenwende, bei der nahezu der gesamte Planet in Nacht* gehüllt ist, da die beiden Sterne sich an den planetenfernsten Punkten befinden. Da ihre Umlaufzeit unterschiedlich ist, nähern sie sich nun unterschiedlich dem Planeten und lösen unterschiedliche Jahreszeiten aus. So kann auf den langen Winter ein extrem kurzer Tagesfrühling folgen, gefolgt von einem Jahressommer und einem ebensolangen Herbst*, wiederum gefolgt von keinem Winter.«
»Sie meinen, die Jahreszeiten verändern sich andauernd und können Tage oder Jahre betragen?«, fragte ich verblüfft.
»Positiv. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Ablauf stabiler Jahreszeiten auch nur kurzfristig einstellt, beträgt exakt 1 zu 954.343.129.555.«
Nachdem ich der Ansicht war, das Konzept des Sitnikovplaneten weitestgehend verstanden zu haben, verabschiedete ich mich, bedankte mich für die Erläuterungen und begab mich zurück in mein Kühlraumschiff Kaltwetter.

Der letzte Planet auf meiner Reise war definitiv der komplizierteste gewesen und mir brummte der Kopf von den Informationen, die ich erhalten hatte und nach wie vor im Detail noch nicht verstanden hatte. Ich fand im Bordcomputer einen Artikel des Astronomen Florian Freistetter, den ich mir für später abspeicherte, um mir das Thema noch einmal in Ruhe zur Gemüte zu führen. Er erklärte dies anhand der Himmelsmechanik zur Fantasyreihe "Game of Thrones" und ich vermutete, dass diese Erklärung sich mit meinem Verstand auf einem annehmbaren niedrigeren Niveau traf als die Erklärung des Droiden von Zeta Reticuli A: Artikel zum Sitnikovplaneten.

Nach all diesen Abenteuern auf fremden Planeten, hatte ich trotz der Klimakatastrophe jetzt wieder Lust auf die Heimat, die gute, alte Erde bekommen. Daher wies ich den Computer an, wieder das Heimatsystem anzufliegen und sah schon bald wieder den vertrauten, blauen Planeten, den wir mit aller Kraft versuchen, als unsere Lebensgrundlage zu zerstören.

Die Demaskierung der Sofeten

Ich parkte das Kühlraumschiff Kaltwetter in der geheimen, unterirdischen Garage, derweil es immer noch über 30 Grad waren und mir der Schweiß ausbrach.
Die Reisen waren anstrengend gewesen. Alles was ich jetzt noch wollte, war Ruhe in meinem klimatisierten Wohnzimmer mit Doppelverglasungsschallschutz vor dem Sofetenlärm draußen. Der Nachbar hatte bereits eifrig seine Dutzend Sofetenfreunde zu einer der täglichen Grillorgien eingeladen. Dümmliche Unterhaltungen und peinliche Schlagermusik überstieg die Schmerzgrenze deutlich. Offenbar galt die Regel umgekehrter Proportionalität, dass mit sinkendem IQ der Lärmpegel ebenso stark anstieg. So schnell wie möglich flüchtete ich in die Wohnung.

Kaum wieder auf der Erde nerven die Sommerfetischisten!; © <a href="https://www.flickr.com/photos/artmouse/4068303148" target="_blank" rel="noopener">danielle peña auf flickr.com</a>, Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/" target="_blank" rel="noopener">CC BY-SA 2.0</a>
Kaum wieder auf der Erde nerven die Sommerfetischisten!; © danielle peña auf flickr.com, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Aufatmend ließ ich die Tür ins Schloss fallen und schlüpfte in etwas Bequemes.
Doch kaum wollte ich mich zu einem erholsamen Nickerchen auf der Couch einfinden, um die Eindrücke auf den Planeten zu verarbeiten, klingelte es an der Haustür. Genervt raffte ich mich ächzend auf und öffnete, nachdem es bereits das zweite Mal geklingelt hatte.
Ein weiterer Nachbar stand in einem peinlichen Hawaiihemd vor mir, dass ich Sehstörungen bekam. Durch das Öffnen der Haustür prügelte eine 35-Grad-Backofenhitze auf mich ein.
»Ganz schön kalt* bei dir«, war das erste, was ich zu hören bekam und es gehörte mit Sicherheit nicht zu den Top Ten der intelligenten Aussagen.
Ich schwieg und starrte - ein profundes Mittel, um Unsicherheit zu erzeugen.
Leider wirkt es nur, wenn das Gegenüber auf ein Mindestmaß an Denkfähigkeit kommt. In diesem Fall grinste der Nachbar ein debiles, alkoholgeschwängertes Grinsen und deutete nach einer Weile, in der seine spärlichen Neuronen genug Fähnchen geschwenkt hatten, um ein Reizsignal vom Restgehirn an den Mund zu übermitteln, mit dem Daumen über seinen Rücken. Ich vermutete zunächst eine Übersprungshandlung, doch nach einer weiteren, unpassenden Pause sprach es. »Wir ham nich genuch Steakmesser und Bier wäre auch nicht schlecht.«
In mir wuchs der Zorn.
Erst stört mich dieser Sofet nach einer anstrengenden Weltraumreise und jetzt hat er nicht einmal den Anstand, seine Wünsche in Form einer Bitte vorzutragen? »Tut mir leid, ich kann lediglich mit Ohropax-Familienpackungen und Kühlwesten dienen.«
»Kühlwesten?«, fragte der Sofetennachbar kuhäugig. Nach diversen neuronalen Kurzschlüssen erfolgte ein krächzendes Lachen. »Ein Ofen wäre bei den Kühlsommertemperaturen deutlich besser.« Sein Daumen deutete wieder über den Rücken nach draußen, während er in der Backofenhitze stand.
Ich dachte kurz darüber nach, ihn hereinzubitten, um ihm dann den Daumen beim Zuschlagen der Tür abzutrennen, doch dann beließ ich es bei einem »Guten Tag« und schlug die Tür zu.

Gewaltsam verdrängte ich die unerfreuliche Begegnung der dritten Sofetenart und stellte die Klimaanlage auf Maximum. So etwas hellt immer die Seele auf.
Es sei denn, es klingelte erneut. Und genau das tat es.
Wutentbrannt schoss ich aus der Couch wie ein Känguruh mit Hämorrhoiden und eilte zur Tür. Öffnen. Backofenhitze. Es war dieses Mal der andere Nachbar, den ich bei der Ankunft mit seinen Sofetenfreunden im Garten gesehen hatte. Er hatte sogar einen Anzug an. Unfassbar bei der Hitze, das war wie einer dieser Garbeutel für den Ofen.
»Ganz schön kalt* bei dir«, sagte er zur Begrüßung.
Bevor ich wieder das Martyrium einer sofetischen Unterhaltung auf mich nahm, ließ ich es zu, dass mir die Sicherungen durchbrannten.
»Was zur Hölle ist mit euch Sofeten eigentlich los? Ihr bratet in der Gluthitze, bis euer Gehirn nur noch aus verglühten Rosinenresten besteht, nervt normale Menschen, die einfach nur Kühle und Ruhe wollen und erwartet dann auch noch, dass man freundlich ist, wenn ihr dreimal verfluchte Steakmesser, Bier und anderes Sofetenzeugs schnorren wollt?«
Eine Stille setzte nach den Worten ein, die nur vom Knistern des aufgeheizten Fußwegs gestört wurde.
»Ich erkläre Ihnen das gerne, Nachbar«, sagte schließlich mein Gegenüber. Oh, eine Kriegserklärung! Ich war in der richtigen Stimmung, sie anzunehmen. Übermüdet, überreizt und überhitzt wie ich war, musste ich lediglich dafür Sorge tragen, dass keinerlei Waffen in meine Nähe gerieten.
Ich bot ihm einen Sessel als Platz an und nahm selbst auf der Couch Platz.
»Also, was haben Sie für ein Problem mit mir?«, lächelte mein Nachbar im Anzug.
»Das erkläre ich Ihnen gerne. Sie lärmen draußen bei dieser Bullenhitze herum und nehmen keinerlei Rücksicht auf andere Menschen. Es ist doch schon schlimm genug, dass die Hitze überall ist und man ihr nicht entkommen kann, dann muss ich mir doch nicht auch noch das debile Hochloben von idiotischer Hitzeperversion gefallen lassen!«, schnaubte ich.
»Wieso? Hitze ist doch prima, da lebt man richtig auf. Ab 40 Grad wird es doch erst richtig angenehm«, grinste mein Nachbar.
Für einen Moment war ich sprachlos. Der Mann beleidigte mich mit Sofetengequatsche in meinen eigenen vier Wänden? »Sie sind nicht normal, Mann! 20 Grad sind schon zu viel, 10 Grad sind erträglich und -10 Grad sind ein Traum. Ich komme gerade von einer anstrengenden Weltraumreise zurück und habe genug gesehen, um sagen zu können, dass selbst Aliens klüger sind als Typen wie sie. Sie können ehrlich gesagt auch kein Mensch sein, wenn ich mir ihr dämliches Gequatsche so anhöre. Vermutlich sind Sie auch ein reptiloider Außerirdischer, andernfalls würden Sie wohl kaum 40 Grad als angenehm empfinden. Also nehmen Sie ruhig die Maske ab«, spottete ich im Wahn meiner Wut.
»Wie Sie meinen«, sagte mein Nachbar und zog sich seine Gesichtshaut vom Kopf.

Mein Sofetennachbar ohne Maske ...
Mein Sofetennachbar ohne Maske ...

Zum Vorschein kam ein Aliengesicht, das mich aus reptilischen Augen ansah. Ich blinzelte. War ich noch auf einem anderen Planeten und träumte?
Mein Alien-Nachbar lächelte mit diesem seltsam verkniffenen Mund, der mir bei ihm so vertraut war und der jetzt so anders aussah. »Sie haben ganz recht. Alle vermeintlichen Menschen, die Sie "Sofeten" nennen, sind in Wirklichkeit Humanoid/Reptilien-Hybriden und wir benötigen unnatürliche Wärme*, um zu überleben und um uns wohl zu fühlen. Deswegen versuchen wir ja ihren Planeten zu reptiloformen.« Die Stimme meines Nachbarn klang nun so völlig anders und unnatürlich.
»Was? Reptiloformen?«, hauchte ich ungläubig.
»Ganz recht. Wir haben an allen wichtigen Positionen auf ihrem Planeten unsere Leute postiert, die den Klimawandel in die Wege geleitet haben. Die Menschen sterben in der Hitze aus und wir haben einen Kolonisationsplaneten und das bereits innerhalb von nur wenigen Jahrzehnten.«
Die Klimakatastrophe war ein Angriff durch Aliens? Jetzt erklärte sich einiges. Mir schwindelte. War es nicht doch etwa nur ein Traum? »Wa ... warum tun Sie uns das an?«
Der reptiloide Aliennachbar lächelte mit den verkniffenen Lippen. »Oh, wir haben unseren Planeten leider vernichtet, als wir unsere Sonne gekitzelt haben.«
»Wie bitte? Gekitzelt??« Wovon redete dieses Wesen nur?
»Allerdings. Wir haben eine Plutoniumsprengladung in der Größe eines Mondes in den Kern unserer Sonne gejagt, um einen Koronalen Massenauswurf gigantischen Ausmaßes zu erzeugen.« Es schien, als verklärten sich seine reptilischen Augen in Erinnerung dieses Ereignisses. Eine Zwischenlid zog sich kurz über die Augen wie bei einem Krokodil.
»Wieso um Himmels willen haben Sie solch einen Wahnsinn unternommen?«, rief ich aufrichtig entsetzt.
»Uns war ganz einfach zu kalt* auf unserem Planeten. Er zuckte seltsam grotesk mit den Schultern. Dann winkte er ab. »Aber das ist Geschichte. Bald haben wir ja ihren Planeten.« Er stand auf und zog sich die menschliche Maske wieder über den Kopf. »Genießen Sie die gräßliche Kühle«, er deutete zur Klimaanlage. »Bald wird sie die steigenden Temperaturen nicht mehr kompensieren können. Unsere Kolonisationsschiffe werden im Jahr 2050 hier eintreffen und eine vom Homo sapiens entvölkerte Welt vorfinden. Sie können übrigens ruhig diese Geschichte jedermann erzählen. Ich werde es genießen, wenn Sie als wahnsinniger Fantast wie ihr Vorgänger Erich von Däniken im Fernsehen lächerlich gemacht werden. Einen schönen Tag noch.« Er tippte an seine Stirn. Schritte entfernten sich und schließlich fiel eine Tür ins Schloss.

Konsterniert saß ich auf der Couch. Ich hatte es immer geahnt. Sofeten waren keine Menschen und konnten unmöglich menschlichen Ursprungs sein. Wieso bin ich nicht früher darauf gekommen? Jetzt war es zu spät. Zu spät für uns alle. Am Ende blieb vielleicht noch Al Sharasif D als Exilplanet übrig.
Ich lächelte schließlich, als mir eine biblische Geschichte einfiel. Alles, was wir brauchten, war ein Raumschiff so groß wie eine Arche für genügend Platz für Millionen Menschen.
Oder wo würden Sie am liebsten ins Exil von einer brennenden Erde fliehen?




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