Methanbrunnen in Sibirien - Beleg für eine Apokalypse?

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Sprudelnde Methanbrunnen in Sibiren entdeckt! Ist das die berüchtigte
Sprudelnde Methanbrunnen in Sibiren entdeckt! Ist das die berüchtigte "Methanapokalypse"?

Es ist keine gewöhnliche Schlagzeile: Sprudelnde Methanbrunnen wurden jüngst in Sibirien entdeckt!

Sprudelnde Methanbrunnen in Sibiren entdeckt! Ist das die berüchtigte "Methanapokalypse"? Die Diskussion um eine mögliche sogenannte "Methanapokalypse" reißt seit vielen Jahren nicht ab. Neben den zumeist von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen wissenschaftlichen Forschungen drangen 2014 zuerst die rätselhaften Löcher in Sibirien in den Fokus der Weltpresse, welche sich mittlerweile als Methanexplosionen erwiesen haben.

Die Theorie einer globalen Apokalypse durch lawinenartige Beschleunigung der globalen Freisetzung der 12 Billionen (kein Übersetzungsfehler aus dem Englischen!) Tonnen Methan und 1-2 Billionen Tonnen Kohlenstoff durch organische Materie aufgrund Permafrostschmelze ist bislang in den Argumenten nicht zu widerlegen und schwebt wie ein Damoklesschwert über der Menschheit. Selbst diese genannten Mengen könnten noch zu gering sein, da es methodisch schwer fällt, die exakten Mengen zu errechnen.

Ich empfehle an dieser Stelle SEO-uneigennützig gerne die beiden Artikel des unvergleichlichen Lars Fischer von Spektrum.de, der statt einseitig eine Entscheidung zu treffen das Problem lieber problematisiert und von beiden Seiten beleuchtet hat:
• Warum die Methanapokalypse nicht stattfindet: Die Methanapokalypse fällt aus.
• Warum die Methanapokalypse doch stattfinden könnte: Klimaschock durch Methan, zum Zweiten.

Wie sind vor diesem Hintergrund die neu entdeckten Methanbrunnen einzuordnen? Ist das jetzt der Beweistropfen, der das Apokalypsefass zum Überlaufen bringt?

Geschockte Forscher sehen Methanbrunnen

Was war genau passiert?
Eine Gruppe von 80 internationalen Wissenschaftlern war mit ihrem Forschungsschiff im Ostsibirischen Meer unterwegs, als ihnen ein Meeresabschnitt auffiel, in dem es geradezu brodelte.

Mitten im küstennahen Meer stiegen so viel Methanblasen hoch, dass nicht einmal spezielle Messinstrumente benötigt wurden, sondern lediglich ein banaler Eimer*, mit dem das blasenhaltige Wasser abschöpfte. Der Methangehalt in der Luft war neun Mal höher als in der Atmosphäre.

Diese Beobachtung vor Ort bestätigt zunächst, dass die Methanbestände in den flachen Küstengewässern an den Kontinentalrändern der Arktis sich erwärmen, das feste Methanhydrat sich zu Gas verwandelt und in lokal großen Mengen aufsteigt und in die Atmosphäre gelangt.

Doch die Frage bleibt: Handelt es sich um die Initialzündung einer massenhaften Freisetzung von Methan im Sinne einer lawinenartigen Methanapokalypse? Oder ist diese Vorstellung zu radikal und unrealistisch?

Sind die Methanbrunnen Anzeichen einer bevorstehenden Apokalypse?

Wenn der beunruhigende Anblick sprudelnden Methans in den arktischen Gewässern Teil einer Massenfreisetzung von Methan ist, dann müsste man diese Steigerung in den Messungen auch auf globaler Ebene erkennen können.

Gehalt des Methans in der Atmosphäre nach der Messtation auf Mauna Loa: Der Anstieg ist durchaus besorgniserregend, aber nicht exponentiell. © NOAA.
Gehalt des Methans in der Atmosphäre nach der Messtation auf Mauna Loa: Der Anstieg ist durchaus besorgniserregend, aber nicht exponentiell. © NOAA.

Davon ist in den Werten von Mauna Loa, der üblichen Referenzmessstation, nichts zu sehen (siehe Bild links). Zwar steigt das Methan wie alle Treibhausgase an, sogar deutlich. Aber eine Massenfreisetzung von Methan würde die Kurve exponentiell oder sogar hyperbolisch ansteigen lassen. Davon ist absolut nichts zu sehen, zumindest im Moment.

Der Artikel von weather.com führt an, dass die Methanmengen der arktischen Gewässer lediglich ein Zehntausendstel der globalen Methanemissionen ausmachen. Selbst eine Steigerung um den Faktor hundert wäre somit kaum spürbar.
Hinzu kommt aus globaler Sicht, dass zwar Methan 20-30 mal stärker in der Treibhauswirkung ist als Kohlendioxid, aber eine deutlich geringere Verweildauer in der Atmosphäre hat, nämlich 9-15 Jahre (Kohlendioxid: 120 Jahre). Anders ausgedrückt: Methan wird im globalen Kreislauf deutlich schneller abgebaut. Aus dieser Perspektive sind die sprudelnden Methanquellen allein im Vergleich mit den menschlichen Kohlendioxidemissionen ein Witz.

Methanhydrat: Methan in gefrorenem und daher festem Zustand; © wussel007 auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0.
Methanhydrat: So sieht Methan in gefrorenem und daher festem Zustand aus; © wussel007 auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Der große Einwand aber ist folgender: Die Methanbrunnen sind mit Sicherheit nicht der Endpunkt der Emissionsentwicklung, sondern lediglich der Anfang. Die Treibhausgasaufheizung hat sich mittlerweile von menschlichen Emissionen abgekoppelt. Was wir als Menschheit initiiert haben mit dem Aufdrehen der "Heizung" seit der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert ist längst zu einem unabhängigen Kreislauf geworden: Die erst geringe Erwärmung führt zu mehr Eisschmelze. Mehr Eisschmelze führt zu geringerer Albedo und weiterer Erwärmung. Permafrost schmilzt und setzt Treibhausgase unabhängig von der Menschheit frei, wodurch die Erwärmung sich fortsetzt und steigert. Dadurch werden wiederum mehr Treibhausgase frei usw.

Es gibt nicht nur diesen einen eigendynamischen Kreislauf, sondern dutzende und hunderte miteinander verknüpfte Mechanismen, da wir und die Erde und die gesamte Biosphäre eine Einheit sind (was wir beständig ignorieren und damit nun unser Leben gefährden auf diesem Wunder von einem Planeten mit einem Gazéschleier von Atmosphäre und schützender, nun erneut durchlöcherter Ozonschicht).

Die sprudelnden Methanbrunnen könnten also ein Mosaikstein der ersten Anzeichen einer Apokalypse sein. Im Worst Case könnte als Lawinen- oder Dominoeffekt innerhalb von Jahren so viel Methan freiwerden, dass es bereits 2040 kein Leben mehr auf Erden gibt.
Wahrscheinlicher ist, dass der Anstieg lediglich etwas stärker als linear erfolgt und uns mehr Zeit verschafft, wenngleich die Folgen einer solchen Steigerung nicht ebenso linear erfolgen, sondern deutlich schwerwiegender wären.

Bodenmethan in ppb (Teile pro Milliarden) in der Arktis: Man sieht die Spitzenwerte und Emissionsquellen; darunter auch die Bereiche mit Methanbrunnen (unten rechts) bei Sibirien. Insgesamt sind die lokalen Spitzen hoch, aber noch nicht besorgniserregend. © Copernicus Atmosphere Monitoring System.
Bodenmethan in ppb (Teile pro Milliarden) in der Arktis: Man sieht die Spitzenwerte und Emissionsquellen; darunter auch die Bereiche mit Methanbrunnen (unten rechts) bei Sibirien. Insgesamt sind die lokalen Spitzen hoch, aber noch nicht besorgniserregend. © Copernicus Atmosphere Monitoring System.

Bei allen potentiellen Gefahren sollte man eines nicht vergessen: Das Methanthema ist momentan in Mode. Und Weltuntergangstheorien haben wie immer Hochkonjunktur. In Zeiten, wo es erschreckenderweise tatsächlich ein Potential dafür gibt, umso mehr. Die Kunst ist aber, zwischen den unseriösen und den auf wissenschaftlichen Wahrheiten basierenden unter Einsatz des Gehirns und von Beobachtungen zu unterscheiden.

Dazu ein Zahlenbeispiel:
Der Gehalt an Kohlendioxid in der Atmosphäre beträgt derzeit etwa 410 ppm, also 410 Teile Kohlendioxid auf 1 Million Teile Luft (ja, das führt physikalisch durch die Verstärkungswirkung zu einem Massensterben auf der Erde. Kennen Sie die Geschichte vom indischen König und dem Schachbrett*?).
Der Gehalt an Methan in der Atmosphäre beträgt jedoch etwa 1850 ppb. Das sind 1850 Teile Methan auf 1 MILLIARDE (engl. billion) Teile Luft.

Umgerechnet sind das 1,850 Teile Methan auf 1 Million Teile Luft.
Selbst wenn wir die 20fache Verstärkung des Treibhauswirkung von Methan im Vergleich zu Kohlendioxid mit einbeziehen, liegen wir damit bei 37 ppm Kohlendioxidumrechnung für Methan bei 410 ppm Kohlendioxid.
Wir sehen: Die rein optisch hohen Zahlen für Methan irritieren Nichtmathematiker und suggerieren Katastrophen, wo die Wahrscheinlichkeiten letztlich doch eher in die Gegenrichtung deuten.

Das Schlussfazit kann daher nur lauten: Eine Methanapokalypse steht nicht bevor und ist auch durch sprudelnde Methanbrunnen in der Arktis nicht wahrscheinlicher geworden. Trotzdem ist es weise, die Mauna-Loa-Messungen von Methan genau im Augen zu behalten. Sollte es jemals zu einem Anstieg kommen, der über die gegenwärtig etwa 10 ppb pro Jahr deutlich hinausgeht und sich im Bereich 100 ppb oder mehr pro Jahr plötzlich bewegt, dann sollten allerdings Alarmglocken schrillen, auch wenn dann jede Maßnahmen bedeutungslos und viel zu spät wären.

• Artikel des Alfred-Wegener-Instituts zu den Methanbrunnen: Unter der Arktis brodelt es.

• Artikel von Kaltwetter.de zum Thema: Rätselhafte Riesenlöcher in Sibirien.

• Artikel der "Welt" zu den Methanlöchern in Sibirien: Rätsel der Löcher in Sibiriens Boden ist aufgeklärt.




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