Päpstliche Enzyklika Laudato si legt den Finger in die Wunde

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Papst Franziskus, © Agencia Brazil auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY 3.0.
Papst Franziskus, © Agencia Brazil auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY 3.0.

Papst Franziskus hat mit der Enzyklika "Laudato si" auf über 200 (kleinformatigen) Seiten ein erschreckendes Bild der Lage des Menschen und unseres Verhaltens auf dem Planeten gezeichnet.

Grundsätzliches zur katholischen Kirche

Natürlich werden jetzt wieder die Kirchenbasher und Religionshasser ihr Haupt erheben und kausale Verbindungen zwischen Kinderschändungsskandalen und einer Inkompetenz der Kirche ziehen.
Zugegeben, es fällt schwer, eine mittelalterliche (im guten Sinne verstandenen) Institution in der heutigen Zeit zu akzeptieren, geschweige denn zu verstehen.
Der Wert der Kirche ist für jeden ausgebildeten Historiker offensichtlich: Während die meisten Menschen in ihrer Zeit und der Mentalität ihrer Zeit gefangen sind, ohne es selbst zu ahnen, denkt und handelt die Kirche nach Kategorien, die über dem aktuellen Zeitgeist stehen. Das ist ihr einzigartiger Wert, ihre Verantwortung aus ihrer gewachsenen Geschichte und ausgerechnet heute wird sie dafür angeprangert, wo sie im Gegensatz zu anderen Jahrhunderten mit Papst Franziskus endlich die richtigen Wege beschreitet.

Kirche: Oft aufgrund fehlenden historischen Wissens missverstanden.
Kirche: Oft aufgrund fehlenden historischen Wissens missverstanden.

Und was die vermeintlichen Skandale angeht: Wer ein Feindbild in sich trägt, ist schnell mit Verurteilungen bei der Hand. Natürlich darf es insbesondere in der katholischen Kirche keinen Missbrauch geben und die Verurteilungen müssen hart und nach den (weltlichen) Gesetzen erfolgen und das passiert ja auch. Aber daraus eine gänzliche Aburteilung der Kirche abzuleiten, wäre, als würde man aus Schulkindermissbrauch an einer beliebigen Schule die Konsequenz ziehen, dass alle Lehrer an die Wand gestellt werden müssen.
Zudem wird - ohne das Leid der Opfer jetzt verrechnen zu wollen! - vergessen, wieviel die Institution und Angehörigen der Kirche in Deutschland und der Welt Leid mildern mit täglichem Einsatz, vielen Geldmitteln - so wie es ihr Auftrag gebietet. Weil im Stillen getätigte Selbstlosigkeit in den Medien keine Stimme bekommt.
Wer sich mit der Kirche fernab von Vorurteilen beschäftigt, weiß als Binsenweisheit, dass Auseinandersetzung und Kritik immer Teil der Kirche waren im Bemühen, den richtigen Weg zu finden. Auch Kirchenobere sind nur Menschen und wenn sie fehlen in ihrem Verhalten, führt die Kritik zu einer neuen Zeit. So wie im Jahre 1046 sich aus den Missständen das (deutsche) asketische Reformpapsttum erhob und in den Investiturstreit mit dem weltlichen Kaiser führte. Gerade der heutige Papst Franziskus mit seinen Forderungen steht diesen beinahe 1000 Jahre alten Inhalten recht nahe.

Der Mensch zerstört aktuell sich selbst und den Planeten

Vor diesem Hintergrund war und ist es wichtig, was Papst Franziskus in seiner Enzyklika schreibt und im Gegensatz zu Klimalügnern und von Macht und Geld gelenkten Politikern legt er schonungslos den Finger in die Wunde und zeigt ein Netz aus Fehlverhalten des Menschen auf, der sich selbst und unseren Planeten in atemberaubendem Tempo zerstört, basierend auf wissenschaftlichen Fakten.

Auffallend ist die Schwäche der internationalen politischen Reaktion. Die Unterwerfung der Politik unter die Technologie und das Finanzwesen zeigt sich in der Erfolglosigkeit der Weltgipfel über Umweltfragen. Es gibt allzu viele Sonderinteressen, und leicht gelingt es dem wirtschaftlichen Interesse, die Oberhand über das Gemeinwohl zu gewinnen und die Information zu manipulieren, um die eigenen Pläne nicht beeinträchtigt zu sehen. (Papst Franziskus, Enzyklika "Laudato si")

Der Papst bezeichnet im Unterschied zum alttestamentarischen Spruch, dass wir uns die Erde untertan machen sollen, die Erde als "unsere Schwester", die vor Schmerz aufschreit und dass alles eine Einheit ist und wir selbst aus den Elementen der Erde bestehen und daher mit ihr verbunden sind.
Ursache für diese verhängnisvolle Entwicklung ist unser Denken, das aus allem einen Gegenstand macht, der gehandelt und hemmungslos benutzt werden darf. Während viele Menschen wissen, dass alles Leben heilig ist und darüber hinaus für uns im Netz des globalen Ökosystems wichtig für unser eigenes Überleben ist, handeln die Entscheidungsführer der Welt paradoxerweise ganz anders: Sie predigen auf Konferenzen den guten Willen und stellen ihr Handeln anschließend ein oder setzen das Morden an Tieren und Menschen und die Raffgier an Macht und Geld fort.

Die Klimakatastrophe im päpstlichen Blick

Franziskus führt in der Enzyklika zahlreiche wissenschaftliche Belege auf und kommt bei der Klimakatastrophe zu den gleichen Schlußfolgerungen wie ich sie selbst in den letzten Monaten für mich selbst und für alle Mitleser versucht habe, nach der wissenschaftlichen Wahrheit zu eruieren und zwar erstaunlicherweise auch unter Einbeziehung anderer möglicher Faktoren, die das Klima* fernab vom Menschen und den Treibhausgase beeinflussen (siehe Zitat links).

"Es stimmt, dass es noch andere Faktoren gibt (z. B. der Vulkanismus, die Änderungen der Erdumlaufbahn und der Erdrotationsachse, der Solarzyklus), doch zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen, dass der größte Teil der globalen Erwärmung der letzten Jahrzehnte auf die starke Konzentration von Treibhausgasen (Kohlendioxid, Methan, Stickstoffoxide und andere) zurückzuführen ist, die vor allem aufgrund des menschlichen Handelns ausgestoßen werden. Wenn sie sich in der Atmosphäre intensivieren, verhindern sie, dass die von der Erde reflektierte Wärme* der Sonnenstrahlen sich im Weltraum verliert. [...] Auch die zunehmende Praxis einer veränderten Bodennutzung hat sich ausgewirkt, hauptsächlich die Abholzung der Wälder zugunsten der Landwirtschaft."
(Papst Franziskus, Enzyklika "Laudato si")

Beim Blick in die Zukunft sieht Papst Franziskus eine Katastrophe auf uns zukommen, wenn wir so weitermachen wie bisher. Eine Katastrophe der Ökologie der Erde, aber vor allem weit vorher eine Katastrophe bei uns Menschen - denn die Folgen werden durch Millionen Klimaflüchtlinge, steigenden Meeresspiegel, Dürren und Nahrungsmitteleinschneidungen uns viel früher treffen und ein Ausmaß erreichen, das wir uns heute noch nicht vorstellen können. Wenn wir jetzt bereits über einige tausend Flüchtlinge jammern, die unsere Grenzen überlasten, dann stelle man sich 1 Million Flüchtlinge vor, die uns überrennen (und das nicht ohne Grund) ...

Der Papst fordert zu Recht ein komplettes Umdenken. Der Schutz und verantwortungsvolle Umgang mit der Natur muss Eingang finden in unser aller Denken unter den Bedrohungen der Klimakatastrophe.
In diesem Fall hat er, so denke ich, vollkommen recht, zumal die Politiker - offensichtlich wirtschaftlich abhängig und zumeist korrupt - dies nicht können. Solange wir noch eine Demokratie haben, können wir die Zukunft auch als machtlose Menschen mitgestalten. Aber dies geschieht nur, wenn ein Umdenken stattfindet und eben nicht Hitze und Dauersommer angestrebt werden, sondern das Gegenteil in dieser Zeit unkontrollierter Erwärmung von Menschen Hand. Und wenn alle bereit sind, für unsere Nachfahren und für die Menschheit als Ganzes an einem Strang zu ziehen, um mit den Ressourcen verantwortungsvoll umzugehen - was auch Einschnitte und Mühen für jeden Einzelnen bedeutet, vor allem in den reichen Industriegesellschaften, damit die Armen nicht noch ärmer werden und leiden -, nur dann werden wir eine Chance haben, zu überleben.
Gerade die Klimakatastrophe darf nicht dazu führen, dass wir uns auf dem Planeten voneinander entfernen und uns bekämpfen, sondern wir müssen uns gegenseitig helfen. Denn wenn die Meeresspiegel steigen, können derzeit nur die reichen Industrieländer sich einen 100 Milliarden Euro teuren Superdamm leisten, während in Südostasien Millionen Menschen im Ozean versinken und sterben oder fliehen. während wir neue Klimasysteme entwickeln und in gekühlten Arealen leben, sterben in ärmeren Ländern (Indien ...) bereits heute tausende Menschen an den Hitzefolgen der Klimakatastrophe.

Ich selbst bin pessimistisch im Gegensatz zum Papst und denke, dass die Strukturen der Menschheit so konzipiert sind, dass wir uns längst "über-lebt" haben. Machtorientierung und Selbstzerstörung scheinen unsere Triebfeder auf dem Weg durch die Geschichte zu sein. Wir haben den Planeten verheert und einen Punkt erreicht in unserer Evolution, an dem wir an einem Scheideweg stehen. Durch unsere Art und unsere Zahl haben wir uns und den Planeten überfordert. Wenn wir uns ändern können, könnten wir uns retten. Wenn nicht (und das halte ich für realistischer), dann werden wir ausgelöscht, genauer gesagt, nur wir selbst durch unser Verhalten löschen uns aus und erklären die Menschheit durch unsere Unfähigkeit zur Veränderung und Selbsthinterfragung für evolutionär überflüssig.
Der Planet würde, vermenschlicht gesprochen, aufatmen und sich wieder erholen, wie man in der Videodokumentationsreihe "Zukunft ohne Menschen" sehen kann (recht einfach via Google zu finden).

Auch wenn manche es nicht hören wollen: Die Klimakatastrophe gefährdet unser zerbrechliches Leben auf diesem Planeten
Auch wenn manche es nicht hören wollen: Die Klimakatastrophe gefährdet unser zerbrechliches Leben auf diesem Planeten.

Der Papst Franziskus zeigt nach meiner Ansicht genau das, was dieser Welt fehlt: In einer Zeit, in der korrupte Politiker über unsere Zukunft entscheiden lebt der Papst vor, was es bedeuten kann, wenn in einer nichtfunktionierenden Demokratie menschlicher Gesellschaften eine eigentliche Autokratie mit einem philosophisch gebildeten, charakterfesten und ethisch einwandfreien Menschen den einzig vernünftigen Weg anzeigt.
Das soll jetzt jedoch nicht ein Plädoyer zur Abschaffung der Demokratie sein, denn für den anderen Fall eines schlechten Menschen an der kirchlichen Spitze haben wir genügend Beispiele, wie schrecklich das Gegenteil aussieht und es natürlich darüber hinaus keine Garantie gibt, dass der nächste Papst ebenso überzeugt menschliche Ideale lebt wie Franziskus. Auch er selbst ist nicht fehlerfrei, doch wer sich weit aus dem Fenster hängt, kann schon einmal fallen. Trotzdem ist seine Überzeugung, Werte vorzuleben, eindrucksvoll: Von der Weigerung die traditionellen, roten Schuhe zu tragen, über die deutliche Brandmarkung der Pädophilie als "Satanische Messe" bis hin zum Verzicht auf das Papamobil nach seiner Wahl und vielen, deutlichen Worten, die man bei Politikern vergeblich sucht.

Auch bezüglich der Klimakatastrophe hat er nun klare, deutliche Worte gefunden, die man manchen Menschen mit Entscheidungsverantwortung am liebsten in den Schädel meißeln möchte angesichts der grassierenden Ignoranz, Dummheit und egozentrischer Machtgier ohne Verantwortungsbewußtsein für andere Menschen und für unsere Nachkommen, die mit uns in einer langen Linie verbunden sein werden.

Man muss weder Katholik sein, noch überhaupt gläubig, um die Worte des Papstes zu verstehen, denn er ist nur eine Stimme in einem Chor der Vernunft, die immer stärker wird, je mehr die Katastrophe auf uns zurollt.
Angesichts dieser Lage kann man allerdings wirklich nur eines noch machen, da man ohnehin weiß, wie alles weiter verlaufen und schließlich enden wird: Beten.

Links zum Thema
Pressemitteilung des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung: https://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/klimaforscher-schellnhuber-spricht-im-vatikan-risiko-fuer-die-menschheit201d
Vollständiger Text der päpstlichen Enzyklika Laudato si: http://w2.vatican.va/content/francesco/en/encyclicals/




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