Phlegräische Felder: Werden wir Zeitzeuge einer Supervulkan-Eruption?

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Gemälde von Joseph Wright (ca. 1774) von einem Ausbruch des Vesuv.
Gemälde von Joseph Wright (ca. 1774) von einem Ausbruch des Vesuv.

Die „Phlegräischen Felder“ oder im italienischen Original „Campi flegrei“ sind ein Supervulkan mitten in Europa. Bereits 2015 hatte kaltwetter.com über besorgniserregende Anzeichen des Vulkans berichtet: Europäischer Supervulkan verhält sich verdächtig.

Neueste Forschungsberichte britischer Forscher* behaupten nun, dass die Campi flegrei sich einem kritischen Punkt nähern und wir vor einer Supervulkaneruption stehen könnten.
Wie sind diese dramatischen Neuigkeiten einzuschätzen?

Argumente für eine bevorstehende Supereruption

Die britischen Forscher weisen darauf hin, dass die Anzeichen des Vulkans in der Tat ungewöhnlich sind und darüber hinaus auch mittlerweile lang anhalten.
Im Zentrum ihrer Argumentation steht der Ausgasungsdruck mit der Zunahme der Gasemissionen und die Bodenhebung.

Die gewaltigen Ausmasse der phlegräischen Felder (rot eingekreist), Vesuv östlich von Neapel; © 92bari auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0, hier: rote Kennzeichnungen ergänzt.

In der Tat ist die Bodenhebung seit vielen Jahren nicht nur mit Messgeräten nachvollziehbar: So ist ein Teil des Hafens nach der Hebung um mehrere Meter mittlerweile ein Parkplatz.

Die britischen Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich der Gasdruck über der Magmakammer weiter erhöhen wird. Bei dem Überschreiten einer kritischen Grenze würde das Gestein brechen und eine Eruption auslösen.
Die Eruption eines Supervulkans gehört dabei zu den potentiellen Szenarien für eine globale Apokalypse. Man muss bedenken, dass die Caldera der Campi flegrei sage und schreibe 70 Quadratkilometer umfasst. Mit einem Vulkan herkömmlicher Art lässt sich dies nicht vergleichen.

Diese Daten beunruhigen: Stetig ansteigender Kohlendioxidgasdruck und Temperaturen. © © Chiodini et al./ Nature Communications, Lizenz: CC BY 4.0.
Diese Daten beunruhigen: Stetig ansteigender Kohlendioxidgasdruck und Temperaturen. © © Chiodini et al./ Nature Communications, Lizenz: CC BY 4.0.

Der letzte Ausbruch wird auf die Zeit vor 40.000 Jahren datiert und es kursieren (strittige) Hypothesen, dass der damalige Ausbruch zum Aussterben der Neandertaler geführt haben könnte. Egal, ob diese Thesen haltbar sind oder nicht, so zeigen sie eindrucksvoll, welche Gewalt man einem Supervulkan zuschreiben muss.

Nicht genug, hängen die Campi flegrei mit dem Vesuv unterirdisch zusammen – jenem Vulkan, der 79 n. Chr. die römische Stadt Pompeji* einäscherte.
Selbst wenn die Campi flegrei nur mit schwacher Intensität ausbrächen, so könnte auch der Vesuv einen neuen Impuls erhalten.
Die Millionen Einwohner rund um die beiden Vulkane befinden sich somit theoretisch in höchster Gefahr, zumal in italienischer Tradition – könnte man etwas despektierlich sagen -, ausreichende Evakuierungspläne und -ressourcen lediglich eine Farce sind.

Argumente gegen eine Eruption

Italienische Wissenschaftler widersprechen den britischen Kollegen und argumentieren, dass die Bodenhebungen Teil des charakteristischen „Atmens“ eines Supervulkans sind, wie man es auch im US-amerikanischen Yellowstone seit Jahrzehnten beobachten kann.
Sie sehen trotz der ansteigenden Gaswerte derzeit keinen Grund zu einer Besorgnis und gehen davon aus, dass die Bodenhebungen sich wieder in das Gegenteil umkehren werden.

Es ist somit eine Frage der Interpretation der Daten. Geht man von langskaligen Zeitwerten aus, die eher auf Jahrzehnten als auf Jahren basieren, so könnte der steigende Gasdruck und die damit zusammenhängenden Bodenhebungen Teil einer völlig natürlichen Hebung und Senkung sein.

Fumarole (Dampfaustrittsstelle) auf den Phlegräischen Feldern. © yiftah-s auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0.
Fumarole (Dampfaustrittsstelle) auf den Phlegräischen Feldern. © yiftah-s auf commons.wikimedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0.

Andererseits haben andere Vulkane jedoch irgendwann auch am Kulminationspunkt einer solchen Gassteigerung sich für den Ausbruch entschieden. Und dies kann theoretisch sehr schnell geschehen, wie wir bereits thematisiert haben: Supervulkanausbruch innerhalb von Tagen durch Gassättigung?
Allerdings handelt es sich bei Vergleichen mit anderen Vulkanen immer um „normale“ Vulkane und nicht um Supervulkane. Denn Erfahrungen, geschweige denn Messwerte hat die Menschheit in Bezug auf Supervulkane nicht und zwar aus dem einfachen Grund, dass wir seit dem Ausbruch der Phlegräischen Felder vor 40.000 Jahren bzw. dem Ausbruch des Toba vor etwa 73.000 Jahren noch nie Zeuge eines Supervulkanausbruchs geworden sind und damit eines der möglichen Szenarien einer globalen Katastrophe.

Wir haben uns in geologisch sehr stabilen Zeiten entwickelt, aber letztlich ist es nur eine Frage der Zeit, wann wir uns erstmals in unserer Existenz einer globalen Katastrophe gegenübersehen. Die Klimakatastrophe ist bereits eine, allerdings in einer Variante, die trotz der Zeitraffergeschwindigkeit (geologisch betrachtet: Statt in vielen Jahrtausenden erfolgt die Klimakatastrophe in Jahrzehnten) wie ein Zeitlupenverlauf anmutet, wenn man die Gewalt eines Supervulkan demgegenüber stellt.
Ein Supervulkanausbruch der stärksten Stufe würde unsere Welt auf jeden Fall für immer verändern, abgesehen von hunderttausenden oder sogar Millionen Todesopfern in Italien, sollte der europäische Supervulkan in großem Stil ausbrechen.

Ergebnis: Die gespannte Erwartung bleibt bestehen

Unsere fehlende Erfahrung mit Supervulkanen ist somit die Crux auch bei den Phlegräischen Feldern: Interpretieren wir die Anzeichen eines Ausbruchs falsch, weil wir unzutreffende Vergleiche mit „normalen“ Vulkanen ziehen, bei denen wir über viele Daten und Erfahrungen aufweisen? Dann wären die Sorgen um einen Ausbruch nur wissenschaftlicher Datenmüll.

Vergleich der Magmakammern und Ausbrüche verschiedener Vulkane. Die Phlegräischen Felder könnten eine Magmakammer bis zu 350 Kubikkilometer aufweisen und den fürchterlichen Tambora-Ausbruch 1815 um ein Vielfaches in den Schatten stellen.
Vergleich der Magmakammern und Ausbrüche verschiedener Vulkane. Die Phlegräischen Felder könnten eine Magmakammer bis zu 350 Kubikkilometer aufweisen und den fürchterlichen Tambora-Ausbruch 1815 um ein Vielfaches in den Schatten stellen.

Oder interpretieren wir die Anzeichen in anderer Hinsicht falsch, dass wir besorgniserregende Anzeichen verharmlosen, weil wir annehmen, dass Supervulkane sich nach Mustern verhalten, die wir gar nicht kennen, die aber möglicherweise trotzdem deckungsgleich mit den Beobachtungen sind, die wir gerade bei den Phlegräischen Feldern sehen? Dann wären die Sorgen um einen Ausbruch so ernst, dass im Grunde die Evakuierungspläne sofort überarbeitet und vorbereitet werden müssten.
Allerdings könnte der Supervulkan auch in geringem Maße ausbrechen und quasi nur „husten“. Es muss nicht zwangsläufig zu einem großen Ausbruch kommen.

Die Campi flegrei werden somit im Fokus der Wissenschaft bleiben und die Werte des Supervulkans werden zeigen, ob an der Theorie eines bevorstehenden Ausbruchs etwas dran ist oder ob sich die Phlegräischen Felder wieder beruhigen werden, als wäre nichts geschehen.
Auszuschließen ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber auch nicht, dass sie plötzlich von einer Sekunde auf die andere ausbrechen. Trotz aller Wissenschaft bleiben Vulkane immer noch unberechenbar. Und das gilt für Supervulkane noch in viel höherem Maße als für die uns bekannten Vulkane.

Artikel
Vulkane.net (Marc Szeglat): Campi flegrei vor kritischem Stadium?!




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