Sofetenmärchen: Der Körper und die Hitze

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Aus der Reihe "Sofetenmärchen" nehme ich eine jüngst in einem Wetterforum zu lesende Äußerung eines bekennenden Sommerfetischisten zum Anlass, um die krude Weltsicht dieser Subspezies des Homo sapiens zu erläutern. 🙂

Wir lesen dort in jenem Forum: "35 Grad sind immer noch 2 Grad unter der Betriebstemperatur des Körpers. Je weniger man zuheißen muss um auf seine 37 Grad zu kommen um so mehr Energie steht einem für Aktiitäten zur Verfügung. Darum ist man bei Kälte so antriebslos und bei warmen Wetter* so aktiv und leistungsfähig."

Ich weiß, ich weiß: Es muss sich um gar nicht mal schlechte Satire handeln, denken Sie?
Leider nicht. Auch wenn selbst meine vierjährige Tochter bereits beantworten konnte, dass diese Aussage komplett falsch ist, so möchte ich dennoch den Sommerfetischisten, die hier fleißig mitlesen (wie man aus den Shitstorms, die ich täglich lösche, ersehen kann), erläutern, warum sich bei diesem Zitat Dummheit und Sommerfetischismus mal wieder wie üblich die Hand reichen.
Die orthografischen Fehler im Originalzitat sind dabei auf die Reduzierung der neuronalen Verbindungen aufgrund massiver und dauerhafter Hitzeeinwirkung zurückzuführen, was zwangsläufig zu Ausfällen beim höheren Denken führt.

Warum Hitze für den Körper bereits ab 19 Grad eine Belastung ist

Hitze ist eine enorme Belastung für den Körper. Körperliche Aktivität erzeugt durch die muskuläre Bewegung Energie und Wärme*. Das erfährt jeder ganz praktisch wenn er (bei normalen Temperaturen von 10-15 Grad) Sport treibt und ins Schwitzen gerät, weil der Körper auf diese Weise den Organismus mit Verdunstungskälte abkühlen* will.

Tatsächlich verhält es sich so, dass bereits ab einer Temperatur von mehr als 19 Grad die menschliche Leistungsfähigkeit durch die Wärmebelastung abnimmt. Damit ist wohlgemerkt nicht 19 Grad in der Sonne* gemeint, sondern im Schatten.

Der Leistungsabfall kann hier in einer Grafik eingesehen werden. In Zahlen ausgedrückt sieht der menschliche Leistungsabfall bei steigender Hitze folgendermaßen aus:

Temperatur in
Grad Celsius
Leistungsvermögen
in Prozent
20 95
21 90
27 80
29 65
31 55
33 50

Warum erfolgt der Leistungsabfall?
Weil der Körper sich bereits ab 20 Grad überhitzt im ruhenden Zustand, zumal wir meist nicht unbekleidet durch die Gegend laufen, sondern T-Shirt* und Hosen* die Körperwärme reflektieren. Der Körper muss also Energie aufwenden, um den Körper ABZUKÜHLEN.

Sommerfetischist beim berüchtigten "Angleichen der Körpertemperatur" und gleichzeitiger Opferung seines (kleinen) Gehirns an "Sol Invictus". © <a href="https://www.flickr.com/photos/wwarby/5153947540/" target="_blank" rel="noopener">William Warby auf www.flickr.com</a>, Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/" target="_blank" rel="noopener">CC BY 2.0</a>
Sommerfetischist beim berüchtigten "Angleichen der Körpertemperatur" und gleichzeitiger Opferung seines (kleinen) Gehirns an "Sol Invictus". © William Warby auf www.flickr.com, Lizenz: CC BY 2.0

Da wir keine Amöben sind oder Mehlwürmer und auch keine Eidechsen, deren Körpertemperatur sich der Außentemperatur nahezu 1:1 anpasst, ist der menschliche Organismus als Warmblüter mit selbst erzeugter Wärme* auf ca. 15-19 Grad Wohlfühltemperatur ausgelegt.

Natürlich mag es sein, dass es sich dabei um den Homo sapiens handelt, während der Homo sofensis ein anderes Empfinden besitzt. Mag sein, dass 35 Grad in diesem Fall beim stumpfsinnigen Braten in der Sonne* als menschlicher Mehlwurm als angenehm empfunden wird von dieser doch sehr skurrilen Spezies und auch nur deshalb, weil diese Gattung sich offenbar, wenn man dem obigen Eingangszitat folgt, geistig kaum betätigt.
Andere Menschen jedoch arbeiten sehr gerne mit Geist, Witz, Humor, Wissen und Bildung, was durch die Hitzebelastung überhaupt nicht mehr funktioniert. Und andere müssen in der Hitze arbeiten und fluchen vor sich hin.

Wie sich normale Menschen verhalten und welche Folgen die Hitze hat

Um die Wahrheit zu erhalten, müssen wir also das Eingangszitat in der Schlussfolgerung auf den Kopf zu stellen: Bei Wärme* werden Menschen inaktiv (man denke an die Siesta in südlichen Ländern, da die Menschen dort im Gegensatz zum nur in Deutschland existierenden Homo sofensis wissen, dass man die Hitze meiden muss) und bei "Kälte" (die es gar nicht mehr gibt oder hat jemand in den letzten 25 Jahren im deutschen Flachland -20 Grad erlebt?) wird der Mensch aktiv, denn: Auch ohne sommerfetischistische Polarumhüllung in einem halben Dutzend Fellschichten kann man in winterlicher Kühle (-1 bis -19 Grad) durch bloßes Spazierengehen sich wunderbar wärmen, dass es sogar zum Schwitzen reicht und die herrlich frische Luft am besten am Nachmittag und in der subtilen Schönheit der Nacht* genießen.

In der Klimakatastrophe ist der Leistungsabfall durch Hitzestress sogar ein ernstzunehmendes Problem, wie man in der Presse lesen kann: Artikel "Die Welt"

Und weitaus ernster ignorieren Sommerfetischisten bekanntlich gerne normale Menschen und verhöhnen den Tod der Hitzeopfer (Sommer 2003, auch anhand der Statistik belegbar) oder verleugnen ihn, solange ihre eigene Hitzeperversion gestillt ist. An dieser Stelle darf ich das Bundesumweltamt zitieren:
"Im Jahr 2003 führte die Hitzewelle in Deutschland zu etwa 7.000 zusätzlichen Todesfällen durch Herzinfarkt, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Nierenversagen sowie zu Atemwegsproblemen und Stoffwechselstörungen. Insgesamt wird für die EU-Staaten von einer Zunahme der Mortalität von einem bis vier Prozent pro Temperaturgradanstieg ausgegangen. Für Deutschland wird für die Jahre 2071 bis 2100 geschätzt, dass die hitzebedingten Todesfälle jährlich um 5.000 ansteigen. Die Wintermortalität und glättebedingte Verletzungen hingegen werden aufgrund milderer Winter voraussichtlich abnehmen. Große Hitzebelastungen sind insbesondere in städtischen Ballungszentren und im Oberrheingraben zu erwarten, also in Regionen, die ohnehin vergleichsweise warm* sind." (Quelle: http://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/klimafolgen-anpassung/handlungsfeld-menschliche-gesundheit)

Ich gebe zu, es war ein wenig Ironie und Satire in den zugespitzten Aussagen, doch das Eingangszitat eines mustergültigen Sofeten ist ein typisches Beispiel für das Denken von Sommerfetischisten und leider auch für ihre (nicht vorhandene) Bildung. Mir ist auch bewusst, dass es Menschen gibt, die sehr wohl Hitze mögen und auch um die Dummheit der oben genannten Aussage wissen - allerdings würde ich diese Menschen nicht Sommerfetischisten nennen, sondern Extremwetterliebhaber oder intellektueller Hitzeliebhaber (Hilli), die noch wissen, wie man mit Andersdenkenden ein Miteinander pflegt.
Daher dürfen sich ausschließlich jene angesprochen fühlen, die glauben, in ihrer maßlosen Beschränktheit normale Menschen mit Hitzeterror auch noch in einer aktiven Klimakatastrophe missionieren zu müssen statt einfach einmal dem Nuhrschen* Motto zu folgen: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten*!".

Liebe Sofeten: Einfach mal die Fresse halten! © <a href="https://www.flickr.com/photos/shyald/3194950746" target="_blank" rel="noopener">Cristian V. auf www.flickr.com</a>, Lizenz: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/" target="_blank" rel="noopener">CC BY-ND 2.0</a> (keine Veränderung!)
Liebe Sofeten: Einfach mal die Fresse halten! © Cristian V. auf www.flickr.com, Lizenz: CC BY-ND 2.0 (keine Veränderung!)



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