Sommerdepressionen oder: Die leise Hoffnung

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Ohne Hoffnung, aber voller Furcht trete ich nach draußen, in die Hitze, in die Helligkeit.

Und es ist, wie ich befürchtet hatte an diesem so aufdringlichen Sommertag. Der Himmel leuchtet in einem krankhaften Blassblau gleich einem Todgeweihten, der ein letztes Mal aufblüht in dem krampfhaften Versuch, fröhlich zu wirken und doch über sein Erscheinungsbild des Jammers nicht hinwegtäuschen kann. Ganz anders die sumpfigen Niederungen: Die Hitze verflüssigt die Luft und macht jede Bewegung zur Qual. In krassem Gegensatz dazu leben die deformiertesten Scheußlichkeiten der Natur, die Insekten, auf und belästigen wie zum Hohne die Menschen mit monotonem Kreischen, mit ungefragter Annäherung… und Schlimmerem. Alle Blumen und Pflanzen haben ihre subtile Scheue und Zartheit verloren und glänzen wie überschminkte Huren in grellen, prallen, fetten Farben - da! dort! diese Blume präsentiert sich so eitel protzend und erinnert an einen feisten Despoten in arabischen Gewändern auf einem goldenen Thron. Widerwärtig! Abstoßend! Es ist die Fratze der Oberhure Babylon, die hysterisch und geifernd lachend niemanden in Frieden lässt.

Doch ich schaue auf die Menschen und sehe nur lachende Gesichter. Zur Schau getragene Fröhlichkeit, weil die Masse es erwartet: es ist Sommer, also sei glücklich. Oder sei es tatsächlich empfundene Fröhlichkeit: gleichbedeutend mit dem völligen Versagen ästhetischer Feinheit und bedingt durch die allgemeine Dummheit tumber Seelen, die nie das feine Gralsgeheimnis hinter dem äußeren Schein erblickt haben. Wer mag schon ein Bad in zuckersüßem Sirup? Ich für meinen Teil bade lieber in kristallklarem Elfen-Wasser, und als süße Zutat vielleicht eine leichtbekleidete Muse, die eine zarte Melodei auf der Harfe spielt - und nicht ein Herumwälzen in parfümierten Champagner mit einem Dutzend Huren. Zornig stöhnend schreite ich voran, quäle mich mit jedem Schritt vorwärts, um meinen Pflichten genüge zu tun.

Auf halbem Wege sehe ich eine Wiese, vollgepfercht mit Menschen, die die Umgebung mit ihren Körperdünsten verseuchen und ihre Oberflächlichkeit und Dummheit in einer Naivität präsentieren, dass solcherart Lächerlichkeit zum Himmel schreit. Frauen mittleren Alters räkeln ihr alterndes Fleisch im Brutofen der Sonne*, erfreuen sich an der bemitleidenswerten Illusion, die Hautbräune verhelfe ihnen wieder zu Jugend und Schönheit und bemerken nicht, dass sie immer mehr lederfaltigen Mumien ähneln. Doch weitaus schlimmer: junge Mädchen eifern ihnen nach! Wirklich, sie opfern ihre wundervoll edelzarte Blassheit zugunsten einer Bräune, die an Fäule erinnert. Ich schüttele den Kopf und eile weiter. Hier finde ich keine Hoffnung ... Plötzlich sehe ich mich gezwungen, rollschuhfahrenden Jugendlichen auszuweichen, deren brüllender Jahrmarktlärm an mir vorbeirauscht - Versager der Lebens, die nie die zarten Empfindungen künstlerischer Subtilität spüren werden, die Erhabenheit und Würde der Melancholie, und damit ihr Leben vergeudet haben. Depressionen überfallen meine vergewaltigte Seele und ich lasse ab von meiner Pflicht, die mich erst in diese Hölle getrieben hat. Wie im Fieberwahn wandere ich weiter, vorbei an Bäumen, die ihre Blätterzungen obszön in meine Richtung lecken und dazu das Rauschen wie ein proletarisches Grölen - erschaudernd taumele ich weiter, ohne Aussicht auf Hoffnung.

Ach, der Herbst* ist ja weit entfernt, so weit, so unerreichbar fern. Meine Sehnsucht nach den von goldenen Blättern sich schüchtern entkleidenden Bäumen in der Abenddämmerung, den ätherischen Feennebeln im Grau des frühen Morgens, den Düften der Vergänglichkeit, den Melodien der Melancholie, dem so unvergleichlichen, süß-bitteren Schmerz der Sterblichkeit und Traurigkeit, vermischt mit leiser Hoffnung auf ein Wiederauferstehen - sie wird so groß, dass sie körperlich schmerzt, mich zerreißt. Meine Wanderung hält an, und es wird bereits dunkler. Doch selbst die allzu kurze Nacht* ist im Sommer von aufdringlichem Leben durchdrungen. Es gibt kein Entkommen. Wo ist die schwarze Samtnacht des Winters, wo die blasse Mondin, die traurig am Himmel Sternensplitter weint? Ich sehe nur den pestgelben Mond, der glotzend auf die Menschen starrt wie der Antichrist bei einem Hexensabbat auf seine Dienerinnen - und er hechelt wie der Dämon bei Goethe: »Es gibt zwei Dinge von köstlichem Glanz: das leuchtende Gold und ein glänzender Schwanz«.

Ein Mädchen als Hoffnung im Sommer

Ich schreite weiter, ohne zu wissen, was mich hier noch hält, nur von dumpfer Ahnung erfüllt. Da sehe ich auf einer Bank vor mir ein Mädchen sitzen - allein, doch nicht einsam. Sie strahlt etwas aus, ein Fluidum, das instinktiv den Pöbel wohl verschreckt hat, und der auf den Wiesen rings herum sich verbreitet hat. Das Mädchen ist eine Insel der Ruhe und Grazie inmitten des Sommers, eine Personifikation des Herbstes. Nun weiß ich, was ich finden sollte! Ich nähere mich vorsichtig, fürchtend, die scheue Schönheit zu verschrecken. Endlich erreiche ich sie, warte in gebührendem Abstand. Nach einer Weile wird sie meiner gewahr, belohnt mich mit einem Blick aus dunklen Augen einer kühlen Nacht*, in denen es silbersternen schimmert. Unmerklich nickt sie, und mein Herz pocht vor Freude. Ich setze mich also neben sie und wir schweigen und genießen die Gegenwart des jeweils anderen. Wie wenige vermögen es noch zu schweigen? Statt dessen störten sie wohl die Zauberstimmung dieses Augenblicks mit dummen Phrasen - inhaltslos, leer, ein Spiegel ihrer eigenen Seele. Ich danke der Schönen für die Gunst, die sie mir erweist und wir betrachten den See und die untergehende Sonne*, wohl wissend, dass es Sommer ist und der See nur ein laues Hohnbild, der Sonnenuntergang ohne Wert. Doch der gemeinsame Schmerz vereint uns. Aber schenkt er auch Hoffnung?

Ich werde einer wilden Rose gewahr, die am Ufer prangt. In einer Intuition stehe ich auf, und pflücke sie. Auch wenn es ein Verbrechen ist, Blumen zu opfern, so ist es doch Sommer, und als lebende Pflanze hat die Rose keinen Wert, ist nur eine Dirne. Doch nun wird sie geadelt, denn ich benutze sie als zartes Symbol der Zuneigung und schenke sie dem Mädchen. Und wie ich erwartet hatte, reagiert sie nicht schematisch und riecht an der Rose, nein, sie betrachtet sie ruhig, wohl wissend um ihres symbolischen Gehaltes.

Doch dann überrascht sie auch mich, steht unerwartet auf und schlendert langsam zurück an jene Stelle, wo die Rose wuchs. Ich folge ihr im Bewusstsein, dass ihr langsames Schlendern mir Gelegenheit geben soll, ihr zu folgen. Sie kniet am Ufer nieder und ich bewundere die Eleganz ihrer Bewegung und das Bild, wie sie grazil dort kniet auf so unnachahmlich weibliche Weise, mit der Rose in der Hand. Ich knie mich neben sie, woraufhin sie zärtlich einige Blätter der Rose zerpflückt und diese mitsamt der Rose selbst in das Wasser gleiten lässt. Erschüttert blicke ich auf den von ihr für mich geschaffenen Vorboten des Herbstes, die hingeworfenen Rosenblätter und die Rose, wie sie langsam davontreiben.

Zum ersten Mal schaut mich das Mädchen unaufgefordert an. Leise flüstert sie mit einer glockengläsernen Stimme eine Zeile eines chinesischen Gedichtes: »Lass schlafen uns im Grab, und unser Blut wird frisch wie Tau, und süß und segensreich.« Meine Seele erbebt auf nie gekannte Weise, und mir wird gewahr: auch im Sommer gibt es Hoffnung …

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