Über den Wahrheitsgehalt aktueller Prognosen eines Mildwinters

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Warum konkrete Winterprognosen Anfang Oktober noch völliger und absoluter Schwachsinn und nicht mehr als moderne Wahrsagerei sind.
Warum konkrete Winterprognosen Anfang Oktober noch völliger und absoluter Schwachsinn und nicht mehr als moderne Wahrsagerei sind.

Oktoberzeit - Winterprognosezeit.
Das ist für Winter- und Herbstfreunde auch in dieser Hinsicht die spannendste Jahreszeit! Die Klimakatastrophe macht die Prognosen immer wichtiger und wertvoller: Gibt es endlich wieder richtigen Kühlherbst? Gibt es einen Winter, der den Namen verdient nach all den vielen Jahren aus Enttäuschungen?

Dass der Winter in seinen groben Zügen prognostizierbar ist, hatte ich bereits eingehend erläutert: Herbst und Winter 2019/20 - Der tiefe Blick in die Glaskugel.

Allerdings liest man derzeit unfassbar viel Schwachsinn von angeblichen Prognosen in den Medien, die eher Klickeffizienz als Fachkompetenz im Sinn haben - allen voran die Boulevardmedien, deren Aussagen man getrost nach einer Hundertstel Sekunde Überlegung in den mentalen Mülleimer* kippen sollte. Wirklich.

Der Artikel von Severe Weather gehört zwar nicht in diese Kategorie, offenbart aber ein weiteres Problem, das viele Medien mit den Prognosen zum Winter haben: Selbst wenn sie viele verschiedene Langfristmodelle berücksichtigen, dass es für den Laien schon beinahe ermüdend ist, so fehlt es ihnen dennoch an der essentiellen Metakritik.
Eines vorab: Sie können sich beruhigt zurücklehnen, denn DIE PROGNOSESICHERHEIT, DASS EIN MILDWINTER KOMMT, LIEGT BEI NULL! (Stand Oktober)
Artikel von Severe Weather: *Winter 2019/2020* Early look at the seasonal forecasts.

Warum kann man Anfang Oktober noch nichts, wirklich absolut gar nichts über den Winterverlauf sagen? Und warum sind damit die aktuellen Prognosen von Severe Weather ebenso Unsinn, auch wenn der Autor selbst ganz gewiss glaubt, er betreibe detaillierte Erkenntnissuche?

Severe Weather: Ein hochdrucklastiger Mildwinter kommt

ECMWF-Prognose zum Winter 2019/20 mit deutlicher Hochdruckanomalie (hohem Geopotential) über Deutschland, abgebildet bei severe-weather.eu.
ECMWF-Prognose zum Winter 2019/20 mit deutlicher Hochdruckanomalie (hohem Geopotential) über Deutschland, abgebildet bei severe-weather.eu.

Severe Weather beruft sich bei dem Ergebnis eines Mildwinters auf viele verschiedene Modelle, darunter das renommierte ECMWF (und das weniger renommierte CFSv2).
Mit einigen Jahren Prognoseerfahrung kann ich eines versichern: Es ist wichtig, weniger auf die schwammigen Detaildaten zu achten als vielmehr auf die Strukturen und die Fehlschläge der Modelle.

Denn was allen Modellen gemeinsam ist, liegt in der Unkenntnis der seit 2015 neuen Effekte der Klimakatastrophe wie z. B. dem WACCY-Effekt. So ist es bisher bei den Prognosen der Modelle so gewesen, dass eine wie immer extrem zu warme Arktis zu sehen war, aber der Kaltluftausbruch Richtung mittlerer Breiten nicht berechnet wurde. Genau das aber ist bei einem Waccy-Effekt der Fall. Es ist vielmehr so, als würden die Modelle die Warmlage nach Kausalitäten früherer Normalklimazeiten bewerten und die extremen Reaktionen von Jetstream und Rossbywellen einfach ignorieren.

Warum diese beobachteten und belegten Kausalitäten nicht Eingang in den Algorithmus der Prognosen aller Modelle finden, ist mir nicht klar und wird wohl ein Geheimnis der Programmierer bzw. der dahinterstehenden Teams bleiben. Eine Ausnahme macht Dr. Cohen mit seinem Computermodell* beim AER-Institut.

Sehr seltene Situation einer für Deutschland günstig gelegenen Rossbywelle mit Trog und Heranführung kalter Luft am 05.05.2019. © Wetterzentrale.de.
Sehr seltene Situation einer für Deutschland günstig gelegenen Rossbywelle mit Trog und Heranführung kalter Luft am 05.05.2019. Das Bild verdeutlicht die Systematik der Klimakatastrophe: Abnorme Wellen führen zu gegensätzlichen Wetterlagen direkt nebeneinander. Severe Weather geht vom Gegenteil der Situation am 05.05.2019 aus: Deutschland gerät wie so oft in den nach Osten verschobenen Hochdruckkeil mit Anströmung südlicher, extrem zu warmer Luftmassen. © Wetterzentrale.de.

Inzwischen scheinen aber die Prognosemodelle etwas weiter gekommen zu sein. Im Artikel von Severe Weather ist der typische Wechsel von Hochdruck und Tiefdruck durch die abnorme Rossbywellenqualität klar zu erkennen. Diese entsteht durch die extrem zu warme Arktis, wodurch der Temperaturunterschied (Gradient) von Arktis zu den mittleren Breiten abnimmt. Dadurch wiederum wird der Antrieb des Jetstreams geschwächt. Er bricht in Wellen aus, die in der Welle Troglagen und Kaltluft transportieren und dazwischen aus dem Süden tropische Luft nach Norden strömen lassen.

Schön und gut, aber die Annahme, dass offenbar massive Rossbywellen und mögliche Omega-Blockaden zu einem Mildwinter in Deutschland führen, setzt voraus, dass wir zwischen zwei Rossbywellen landen: Nämlich zwischen einer auf dem Atlantik bei Grönland und einer in Osteuropa - also der nach Osten verschobenen Lage wie auf dem Bild links.

Dies ist im Treibhausgashalbjahr April bis September durchaus zu 90% der Fall und erklärt auch, warum Deutschland und Mitteleuropa die weltweit (!) schlimmste Hitzeopferregion der Klimakatastrophe geworden ist: Die klimakatastrophische Midgardschlange kommt! (Kaltwetter.de) und Klimaextreme überholen Prognosen (Scinexx.de), was ich bereits 2015 vorausgesehen hatte: Der Golfstrom schwächelt und Deutschland versinkt deswegen in Hitze?

Welche Außenfaktoren wirken klimatologisch auf den Winter? So ist eine Winterprognose in groben Zügen in der Summe möglich!
(Zeigerstände im Bild beziehen sich nicht auf den kommenden Winter!) Die meisten Faktoren für den kommenden Winter sind Anfang Oktober noch nicht erfolgt (Schneedecke Sibirien, Meereis Barentssee, SST Nordatlantik, Polarwirbel AO). Da selbst ein Faktor den Winter drehen kann, ist eine Aussage zum Winter Stand jetzt völliger Schwachsinn!

Doch im Polarwirbelhalbjahr Oktober bis März sieht das anders aus. Der Polarwirbel begünstigt anderes Wetter* und unterliegt vielen weiteren Faktoren.
Kaltwetter.de-Leser wissen: Erst NACH dem Oktober und der Analyse der vielen verschiedenen Faktoren kann eine halbwegs seriöse Prognose über den groben Winterverlauf erstellt werden!

Mit anderen Worten: Alle jetzigen Prognosen sind nichts weiter als Glaskugel-Wahrsagereien, egal wie pseudowissenschaftlich und pseudoseriös sie auch erscheinen mögen. Und dazu gehört auch der Artikel von Severe Weather. Es genügt nicht, die Modellberechnungen zu Rate zu ziehen, die Gewissheiten vortäuschen, die es gar nicht gibt und nur die Unfähigkeit der Supercomputer abbilden, dass es zum jetzigen Zeitpunkt alles nur Zufälligkeiten und Datenschwankungen ohne Kausalitäten sind.

Das zeigt auch die Prognose des Deutschen Wetterdienstes DWD, der die Temperaturlage durchaus ähnlich wie ECMWF bei Severe Weather sieht. Im Gegensatz zu ECMWF zeigt aber der DWD gnadenlos ehrlich die Zuverlässigkeit der Prognose: Alles ohne Kreuzchen ist sicher. Sehen Sie kein Kreuz über Deutschland und Europa?

Langfristprognose des DWD zum Winter 2019/20, Stand 03.09.2019, © <a target="_blank" href="https://www.dwd.de/DE/leistungen/jahreszeitenvorhersage/karten.html?nn=16102">DWD</a>.
Langfristprognose des DWD zum Winter 2019/20, Stand 03.09.2019, © DWD.

Warum Severe Weather dennoch recht haben könnte

Auch wenn sich die Modellschwemme bei Severe Weather letztlich als Augenwischerei erwiesen hat, so kann die Prognose natürlich wahr werden.
Hochdruckwinter waren in den letzten Jahren nicht einmal selten und haben so manches Mal für Sonnenleiden gesorgt. Dabei gibt es im Winter natürlich 2 Varianten: ein Hochdruckwinter mit Ostlage durch eine Atlantikblockadesituation ist herrlich kalt* (Januar 2017) trotz der elenden Sonnenseuche. Ein Hochdruckwinter mit Südlage ist hingegen ein Frühlingsalptraum und zerstört nicht nur Träume von normalen Wettermenschen, sondern auch die Erholung von Seen mit Sauerstoff und Bäumen mit ihrer dringend benötigten Ruhephase.

Severe Weather weist im Artikel auf diesen Umstand hin. Es gäbe also demnach einen Hochdruckwinter mit Sonnenverseuchung und teilweise Ostkälte.
Wie gesagt: Zum jetzigen Zeitpunkt genauso seriös wie die Bildzeitung, nur in anderer Rhetorik.

Übrigens: Der letzte Sonnenseuchenwinter 2018/19 sowie 2016/17 waren klassische La Nina-Winter. Der La Nina-Zustand der ENSO ist aber inzwischen beendet und verbleibt im neutralen Zustand und wird keinen Einfluss auf den Winter 2019/20 haben. Zum Hintergrund wie El Nino und La Nina den Winter beeinflussen: El Niño – ein überbewertetes Klimaphänomen? und El Niño und die Wirkung auf Europa: Die bipolare Telekonnektion sowie Hat La Niña eine Auswirkung auf Europa?

Für alle, die etwas Hoffnung benötigen: Wir befinden uns ungefähr im Sonnenfleckenminimum. Die zwei Winter nach einem Sonnenfleckenminimum haben ein sehr hohes Potential für Kaltwinter (2009/10 und 2010/11 lagen im letzten Sonnenfleckenminimum), während die Winter davor Mildwinterchancen erhöhen. Entweder wird bereits der aktuelle Winter ein Winter nach dem Minimum sein oder (wenn sich das Minimum durch den schwachen Sonnenfleckenzyklus abflacht und in die Länge zieht) der nächste Winter 2020/21. Allerdings sind die Aufheizungseffekte bzw. Einflussfaktoren der Klimakatastrophe so groß, dass diese alle bisherigen Kausalitäten überdecken könnten.

Ernüchternd: Prognose der Winterentwicklung in Deutschland nach dem DWD. Der letzte Kaltwinter (hellblaue Linie) datiert von 2010/11. © DWD Deutscher Klimaatlas.
Ernüchternd: Prognose der Winterentwicklung in Deutschland nach dem DWD. Der letzte Kaltwinter (hellblaue Linie) datiert von 2010/11. © DWD Deutscher Klimaatlas.

Kommen wir zurück zur Prognose von Severe Weather über einen Mildwinter.
Warum Severe Weather in der groben Richtung zu 75-99% trotzdem recht haben könnte? Weil durch die Klimakatastrophe die deutschen Winter mittlerweile alle zu warm* sind! Der letzte Kaltwinter stammt von 2010/11 und ist mittlerweile 9 Jahre her.
Nach einer Theorie von mir wird es sogar nie wieder einen Kaltwinter in Deutschland geben: So war der Winter 2015/16: Der Anfang vom Ende für alle zukünftigen Winter? Bis jetzt hat die Natur mich nicht widerlegt.
Und es gibt natürlich Gründe für diese These. Von der Klimakatastrophe und der Erwärmung durch die Treibhausgase die immer weiter ansteigen bis hin zur geografisch ungünstigen Lage Deutschlands für Winter und den zunehmenden Rossbywellen mit ungünstiger Position für Deutschland, wie es ja auch die Prognose von Severe Weather als eine Möglichkeit aufzeigt.

Mit anderen Worten: Jeder, der einen Mildwinter prognostiziert, liegt ohnehin bei 75-99% Wahrheitsgehalt, egal wie er seine Prognose auch begründet. Die wahre Kunst läge darin, einen Kaltwinter oder wenn es diesen niemals mehr geben sollte einen halbwegs normalen Winter vorauszusagen!

Was sagt Kaltwetter.de zum Winter 2019/20?

Kaltwetter.de sagt ...
• Im Polarwirbelhalbjahr Oktober bis März sind die Kausalitäten des Treibhausgashalbjahres April bis September nicht in der gleichen Form wirksam und somit auch nicht die Hochdrucklagen in Deutschland.
• Die Modelle haben wichtige Kausalitäten der Klimakatastrophe nicht in ihrem Algorithmus, allen voran den Waccy-Effekt mit Austrogungen Richtung Kontinente der mittleren Breiten.
• Erst Ende Oktober lassen sich nach Abschluss der Analyse von klimatologischen Winterfaktoren Aussagen über den Winterverlauf treffen.

Bis dahin habe ich in der ersten Stellungnahme zum Winter 2019/20 ausführlich die Prognoseparameter beschrieben: Herbst und Winter 2019/20 - Der tiefe Blick in die Glaskugel.

Kaltwetter.de wird wie gewohnt über den Verlauf der beschriebenen Winterindikatoren informieren. Wenn wir dann Ende Oktober oder Anfang November hier bei Kaltwetter.de die Schrödingerkiste mit der Winterwahrheit öffnen und sich die Welt quantenphysikalisch in eine Mild- und eine Kaltwinterwelt teilt, dann muss es allerdings niemand wundern, wenn das Ergebnis durchaus der Alptraum eines Mildwinters sein wird, da es in 75-99% der Fälle die Normalität der heutigen Realität ist. Aber so weit es noch nicht!
Und wenn der Waccy-Effekt doch einmal günstig zuschlägt für Deutschland? Dann liegen wir in Tiefdrucknordlage und genau im Gegenteil von dem, was Severe Weather für die Winterwahrheit hält.

Verbrennt die Klimakatastrophe und ihre übermächtigen Faktoren den Winter wie immer oder erleben wir eine Überraschung?
Verbrennt die Klimakatastrophe und ihre übermächtigen Faktoren den Winter wie immer oder erleben wir eine Überraschung?



Haben Sie Informationen, Erkenntnisse oder Gefühle beim Lesen mitgenommen? Dann würde ich mich nach dem Nehmen über ein Geben sehr freuen. Danke!

Jeder Winter seit 2010/11 benötigte keine Jacke, sondern nur leichte Pullover (gilt nicht für idiotische Sofeten)! Aber was, wenn ein Kaltwinter käme und sei es nur teilweise? Sie sehen nichts? Dann: Hinweis.