Winterprognose 2019/20 Teil II: Meereis, Schneedecke und Nordatlantik

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Kommt jetzt das Abkippen der Prognose in den Mildwinter 2019/20? Was sagen die Faktoren Meereis, Schneedecke und Temperaturen im Nordatlantik über den Winter 2019/20 aus?
Kommt jetzt das Abkippen der Prognose in den Mildwinter 2019/20? Was sagen die Faktoren Meereis, Schneedecke und Temperaturen im Nordatlantik über den Winter 2019/20 aus?

In Teil I der Prognose zum Winter 2019/20 hatten wir einen Blick auf die QBO und ENSO geworfen: Winterprognose 2019/20 Teil I: QBO und ENSO.
Hier sah es mit einem Kaltwinter-Punkt (QBO) und einem neutralen (ENSO) gar nicht einmal schlecht aus.

Nun widmen wir uns in Teil II der Arktis der Nordhemisphäre.
Welchen Einfluss haben die Ausdehnung des Meereises, der Schneedecke in Sibirien und der Wassertemperaturen im Nordatlantik im Oktober?
Grundsätzlich kann man zu allen 3 Faktoren sagen: Sie begünstigen oder hemmen Störungen des Polarwirbels. Der Polarwirbel ist der Kältetresor, den es zu knacken gilt! Hier gilt eine zu Politikern umgekehrte Regel: Je gestörter der Polarwirbel ist, desto besser für uns. Denn ein geschwächter Polarwirbel hält die arktische Kälte nicht in der Arktis und damit vor uns zurück, sondern "leckt" und "ergießt" die Kälte im günstigsten Fall auf die Kontinente der mittleren Breiten und damit hoffentlich auch auf Deutschland.

(1) Ausdehnung des Meereis: Immer weniger Eis, immer abstruserer Polarwirbel

Es ist im Grunde völlig paradox: Die globale Treibhausgaskatastrophe führt zu immer größerer Eisschmelze, doch erst dadurch kommen wir überhaupt noch in den Genuss von Kälte. Ohne die kältebegünstigenden Folgen der immer geringeren Meereisausdehnung der Arktis auf den Polarwirbel gäbe es längst keine Winter und keinen Schnee* mehr.

Was hat das Meereis mit unserem Winter zu tun?

Eis und Schnee* sind klimatisch immer Stabilisierungsfaktoren, die Wetterchaos eindämmen. Über Schneegebieten bilden sich Hochdruckgebiete, die wie Blockaden wirken. Im umgekehrten Fall kehrt das Wetterchaos zurück und Luftströme verändern sich rapide. So kommt es mittlerweile regelmäßig vor, was vor 2015 ein bis zweimal in jedem Jahrhundert auftrat: Plusgrade im arktischen, sonnenlosen Winter am Nordpol!
Die geringen Ausdehnungen des Meereises ermöglichen nämlich zusammen mit anderen Faktoren der Klimakatastrophe, dass Sturmsysteme warme Luft tausende Kilometer weit aus dem Süden in die Arktis transportieren und das gesamte System der Nordhemisphäre durcheinanderbringen.

Polarwirbel am 06. Januar 2014. Normalerweise sind die Kerne dichter beisammen und es handelt sich hier um die Lage eines bereits geschwächten Polarwirbels (der den USA einen Eiswinter brachte). Allerdings kann man sich so am besten die Kleeblattform* des Polarwirbels an sich vorstellen.
Polarwirbel am 06. Januar 2014. Normalerweise sind die Kerne dichter beisammen und es handelt sich hier um die Lage eines bereits geschwächten Polarwirbels (der den USA einen Eiswinter brachte). Allerdings kann man sich so am besten die Kleeblattform* des Polarwirbels an sich vorstellen.

Außerdem begünstigt eine geringe Meereisausdehnung die Entstehung von Warmings, die ich bereits in Teil I angesprochen hatte und auf die wir gleich bei der Schneedecke noch näher zu sprechen kommen: Die in der Klimakatastrophe immer größere Bodenwärme der Troposphäre gelangt unter bestimmten Bedingungen hoch hinauf bis 50 km in die Stratosphäre, um dann wieder abzusinken (Troposphärisch-Stratosphärisches-Troposphärisches Ereignis = T-S-T-Event). Dabei schwächt und stört dieses Warming den Polarwirbel dergestalt, dass dieser seine Form verliert, verzerrt wird, Kaltluft bis in die mittleren Breiten "leckt" und teilweise sogar der Polarwirbel zu einer Art Kleeblattmuster zerfällt, wobei die Kleeblätter dann anormal weit in den Süden vordringen (leider zumeist nur zu den USA).

Kurz gesagt: Wenig Meereis verwandelt den Polarwirbel von einem kreisrunden, stabilen Gebilde in ein chaotisches, oszillierendes, kälteblutendes Etwas 😉 Und wo ein stabiler Polarwirbel an der horizontalen Wellenfront uns sturmreiche Westdrift mit Plusgraden im Winter beschert, da kann ein kälteblutender Polarwirbel über abstruse Rossbywellen bis weit in den Süden arktische (schneereiche) Luftmassen aus dem Norden zu uns führen oder mit Blockadelagen schneearme Luftmassen aus dem Osten.

Alarmierend: Die Tageswerte in der Arktis sprengen beinahe die Skalen! Dargestellt sind die Anomalien der Bodentemperaturen auf 2 Meter Höhe im Vergleich zum Mittel 1981-2010, das bereits massive Wärmefolgen der Klimakatastrohpe als "normal" voraussetzt. © Karsten Haustein.
Alarmierend: Die Tageswerte in der Arktis sprengen beinahe die Skalen! Dargestellt sind die Anomalien der Bodentemperaturen auf 2 Meter Höhe im Vergleich zum Mittel 1981-2010, das bereits massive Wärmefolgen der Klimakatastrohpe als "normal" voraussetzt. © Karsten Haustein.

Eines gilt jedoch als übergeordnete Rahmenbedingung immer zu beachten: Mit jedem Jahr steigen mit den Treibhausgasen auch die Temperaturen in der Arktis.
Zusammen mit den regionalen Effekten in Europa hat dies längst zum Umstand geführt, dass Winterbedingungen im deutschen Flachland so gut wie nicht mehr auftreten (wenn man es mit den 1960er Jahren oder vorher vergleicht - die jüngeren Generationen werden es nicht mehr verstehen, aber mehrere Wochen andauernder Schnee* mit mehr als 7 cm waren früher auch beispielsweise im Ruhrpott normal).
Kommt es heute zu den früher schneereichen Nordlagen, so führen die höheren Temperaturen in der Arktis und in Deutschland dazu, dass das, was früher als Schnee* niederging, heute nur noch als Schneeregen ankommt.
Echte Winterbedingungen gibt es also derzeit nur noch in den Mittelgebirgen und auch dort wird es mit jedem Jahr weniger. Eine Polarwirbelstörung durch Warmings ist mittlerweile die einzige Möglichkeit, wie paradoxerweise durch die Klimakatastrophe selbst Winter noch möglich ist.

Wie sieht die Meereisausdehnung im Oktober 2019 aus?

Es ist sicherlich keine Überraschung, dass die Meereisausdehnung der Arktis dauerniedrig ist. Insofern können wir die Analyse für diesen Faktor auch schon hier beenden. Es wird sich nicht mehr ändern, dass die Meereisausdehnung immer als winterstärkender Faktor betrachtet werden muss - bis auf eine Zukunft, in der die gesamte Nordhemisphäre brennen wird in einem gradientenfreien Nichtwinter. Möglicherweise ist diese Zukunft viel näher als wir alle wahrhaben wollen.

Schauen wir dennoch auf die Meereisausdehnung im Detail, denn es ist durchaus ein besonderes Jahr: Zwar ist der einst als "Ewigkeitsrekord" aus dem Jahr 2012 im Minimum im September nicht gebrochen worden. Doch die in der Treibhauswelt immer schleppendere Neubildung von Eis hat zu einem neuen Niedrigrekord im Oktober 2019 geführt, was äußerst bedenklich und ein Alarmzeichen ist.

Meereisausdehnung in der Arktis: 2012 bleibt im Septemberminimum Rekordhalter, aber 2019 erreicht im Oktober einen neuen Rekord!; © <a target="_blank" href="https://nsidc.org/arcticseaicenews/">NSIDC</a>.
Meereisausdehnung in der Arktis: 2012 bleibt im Septemberminimum Rekordhalter, aber 2019 erreicht im Oktober einen neuen Rekord!; © NSIDC.
Meereisausdehnung in der Arktis als Kartendarstellung. In Rot das Mittel 1981-2010. Es fällt auf, dass bei Sibirien und hier vor allem die Barentssee und Karasee (östlich Skandinavien) beinahe noch eisfrei sind. © NSIDC.
Meereisausdehnung in der Arktis als Kartendarstellung. In Rot das Mittel 1981-2010. Es fällt auf, dass bei Sibirien und hier vor allem die Barentssee und Karasee (östlich Skandinavien) beinahe noch eisfrei sind. © NSIDC.

Für den Winter 2019/20 bedeutet dies in jedem Fall: Eine glasklare Begünstigung von Polarwirbelstörungen und Warmings und somit einen Kaltwinterphasen begünstigenden Faktor!

(2) Sonderfall Meereis der Barentssee

Auch wenn die Barentssee nur ein kleiner Bereich der Arktis ist, so haben sich hier die bedeutendsten Folgen für den Winter herauskristallisiert. Dr. Cohen hat wissbegierig aus jedem Winter die Lehren aus eigenen Fehlern gezogen und nach dem Winter 2015/16 folgendes erkannt:

"Also there is growing consensus that it is Barents-Kara sea ice in the late fall and early winter that has the greatest impact. Therefore low Barents-Kara sea ice in November for example favors a strengthened Siberian high, increased poleward heat flux, a weak PV and finally a negative AO. An important point in regards to the Siberian high, it strengthens or expands northwest of the climatological center. For low snow cover and/or high sea ice the opposite occurs."
Dr. Judah Cohen, AER in der Winteranalyse 2015/16.

Weitere Analysen in den Folgewintern ergaben, dass ein Skandinavienhoch vom Niedrigeis der Barentssee begünstigt wird. Dabei kommt es zu warmen Temperaturen im Hochdruckzentrum von Skandinavien, aber phasenweise (!) kalten Anströmungen über Sibirien nach Europa.

Halten wir fest, dass nach Dr. Cohens Aussage die Meereisausdehnung der Barentssee vor allem im November und nicht im Oktober den Winter in Europa stark beeinflusst. Wir haben zwar noch nicht November, aber man kann jetzt schon sagen, dass das Meereis der Barentssee ebenso wie das der gesamten Arktis im Dauerminimum liegt und immer weiter absinkt.
Die Daten zeigen sogar eine unter diesen Umständen besonders reduzierte Meereseisausdehnung in der Barentssee:

Aktuelle Meereisausdehnungen in verschiedenen Meeren der Arktis, darunter die für uns wichtige Barentssee, sowie die Karassee und Chukchisee. © <a target="_blank" href="https://sites.uci.edu/zlabe/arctic-sea-ice-extentconcentration/">Zack Labe</a>, Quellen wie im Bild angegeben.
Aktuelle Meereisausdehnungen in verschiedenen Meeren der Arktis, darunter die für uns wichtige Barentssee, sowie die Karassee und Chukchisee. Beinahe überall rekordnahe Minimumbedingungen! © Zack Labe, Quellen wie im Bild angegeben.

Auch hier gilt also ganz klar die Erkenntnis, dass das Meereis der Barentssee Kaltwinterphasen begünstigend sich auswirken wird! Und zwar sowohl was die Schwächung des Polarwirbels angeht und möglicherweise eines Skandinavienhochs mit kalten, aber leider schneearmen Ostlagen für Deutschland. Letzterer Punkt hängt aber im Gegensatz zum erstgenannten von weiteren meteorologischen Faktoren ab und weist nicht so eine hohe Wahrscheinlichkeit auf.

Wir haben festgestellt, dass die Meereisausdehnung sowohl generell in der Arktis wie auch im speziellen Bereich der Barentssee den Polarwirbel schwächt und dies paradoxerweise für uns die Kaltphasenwahrscheinlichkeiten erhöht. Mit dem überaus wichtigen Faktor der Schneedeckenausdehnung in Sibirien schauen wir uns nun im Detail an, wie der Polarwirbel auf diese Art geschwächt wird.

(3) Schneedecke Sibirien: Motor für eine negative AO und die Füllung des europäischen Kühlschranks

Von den eher großräumigen Faktoren kommen wir nun zu einem konkreten und sehr wichtigen Faktor: Der Schneedecke in Sibirien.

Grundsätzliches: Was hat Sibirien mit Deutschlands Winter 2019/20 zu tun?

Sibirien ist weit weg - viele tausend Kilometer. Was hat dieses riesige, leere Land mit dem Winter 2019/20 in Deutschland zu tun? Ganz einfach: Sibirien ist ein Kühlschrank. Und je nachdem, wie gut er mit Kälteköstlichkeiten gefüllt ist, desto mehr Potential hat unser Winter.
Noch anders ausgedrückt: Was die Arktis höchstpersönlich für die USA ist, das ist Sibirien für Europa.

Je schneller der Schnee* nach Sibirien kommt, umso stärker bildet sich über dem Schnee das legendäre sibirische Hoch aus, das nahezu selbsterhaltend zu weiterer Kälte an Ort und Stelle führt. Ein früher Beginn im Oktober ist also gleichbedeutend mit dem Füllen des europäischen Kühlschranks!

Die sibirische Schneedecke ist kein Selbstläufer!

Selbst wenn es wider Erwarten zu einer Steigerung der Schneedecke in Westsibirien kommt: Die Schneedecke in Sibirien allein genügt auch in diesem Fall nicht allein für einen Traumwinter in Deutschland! Das Potential der sibirischen Kälte muss zwingend angezapft werden durch die richtigen Wetterlagen. Auch wenn diese dem meteorologischen Chaos unterliegen, so steigern (neben Klimafaktoren, die Ostlagen meteorologisch begünstigen wie z. B. eine negative NAO im Sonnenfleckenminimum) die bekannten Warmings als Störungen des Polarwirbels das Anzapfen der Kälteköstlichkeiten.
Auch da kann Sibirien weiterhelfen über eine spezielle Kausalitätskette:

Die klimatologische Bedeutung von Sibirien für die Nordhemisphäre und den Polarwirbel

Die Schneedecke in Sibirien hat neben ihrer eher pragmatischen Ausdehnungsbedeutung noch eine bedeutend wichtigere Funktion - ähnlich wie bei der QBO in Teil I der Winterprognose geht es erneut um den Polarwirbel und die Warmings.

Auch hier hat Dr. Cohen die Kausalitäten als erster aufgedeckt: Eine rasche und weiträumige Ausweitung der Schneedecke in Sibirien führt zu einer Stärkung des sich entwickelnden Sibirienhochs. Dies wiederum erhöht den vertikalen Wärmetransfer von der Troposphäre in die Stratosphäre und führt letztlich zu Warmings, die den Polarwirbel schwächen und so erst die Kälte für uns verfügbar machen, welche sonst vor uns weggeschlossen wäre. Die Arktische Oszillation (AO) als Index wird dann negativ als Folge.
Siehe hierzu: Minor und Major Warming: Warum Wärme für Winter in Europa sorgen kann.

Umgekehrt wird das Sibirienhoch bei einer geringen Schneedeckenausdehnung in Sibirien geschwächt, der Polarwirbel gestärkt und es kommt in solchen Jahren zu feuchtem Westdriftwetter, weil der den Polarwirbel begrenzende Jetstream nicht in Rossbywellen ausbricht, sondern stabil bleibt und an der Grenze in zonale Windströmungen von West nach Ost verbleibt.

Wirkungsweise von Schneedecke in Eurasien und der Arktischen Oszillation.
Wirkungsweise von Schneedecke in Eurasien und der Arktischen Oszillation.

Wie sieht die Schneedecke in Sibirien im Oktober 2019 nun aus?

Aktuelle Schneedecke in Sibirien

Die Schneeausbreitung hat in Sibirien einen Blitzstart im Oktober 2019 hingelegt. Allerdings hat sie danach auch einen Rekordeinbruch erlitten. Wie gewonnen, so zerronnen - könnte man meinen. Ich hatte bereits die Schneedecke hier im Artikel als Mildwinterfaktor abgehakt. Doch dann stieg die Schneedecke wieder rapide an.

Schneedeckenentwicklung in Eurasien (Sibirien): Enormer Anstieg, dann Einbruch, dann wieder Anstieg. Die zu 2018/19 verbesserte Lage ist deutlich. © NOAA.
Schneedeckenentwicklung in Eurasien (Sibirien): Enormer Anstieg, dann Einbruch, dann wieder Anstieg. Die zu 2018/19 verbesserte Lage ist deutlich. © NOAA.

Bis hierhin ist dieser Winterfaktor nur sehr schwer einzuordnen. Klare Signale, egal ob gut oder schlecht, sind immer von Vorteil. Dieses Hin und Her zwischen Extremen lässt kaum eine klare Aussage zu.

Nicht die Größe des Wintermantels ist entscheidend, sondern ob er sitzt!

Alle Winter seit 2009/10 haben jedoch gezeigt: Nicht die Ausmaße der Schneedecke in Sibirien sind entscheidend, sondern ihre Position bzw. der Schwerpunkt. Gerade die letzten europäischen Kaltwinter 2009/10 und 2010/11 fanden bei eigentlich geringer Schneedeckenausbreitung statt.

Letztlich ist Sibirien riesengroß. Wenn die Schneedecke vor allem in Ostsibirien und südlich in der Mongolei sich ausbreitet, so haben wir in Europa davon nichts. Es ist also wichtig, dass vor allem in Westsibirien Richtung Europa die Schneedecke sich ausbreitet. So kann sie leichter "angezapft" werden und liegt in unserer Nähe.

Wie sieht es hier aus?
Die Lage der nun wieder zunehmenden Schneedecke war bis vor kurzem extrem ungünstig: Der gesamte Westen Richtung Europa war schneefrei. Die Schneedecke erstreckte sich vor allem im Osten Sibiriens, was für uns keinerlei Bedeutung hat.
Seit kurzem aber hat die Schneedecke in Westsibirien/Russland deutlich zugenommen, wenn der Westen auch immer noch relativ schneefrei ist:

Ausdehnung der Schneedecke in Sibirien im Vergleich zwischen dem 17.10.2019 und dem 22.10.2019 mit erfreulich großer Zunahme und teilweise auch Richtung Westen und Skandinavien. © NOAA.
Ausdehnung der Schneedecke in Sibirien im Vergleich zwischen dem 17.10.2019 und dem 22.10.2019 mit erfreulich großer Zunahme und teilweise auch Richtung Westen und Skandinavien. © NOAA.

Schlussfazit: Die Schneedecke in Sibirien ist uneinheitlich. Man kann sie entweder als Mildwinterfaktor oder als neutral bisher ansehen, sollte sich nicht gravierend in den letzten Oktobertagen etwas ändern. Ich tendiere dazu, sie aufgrund der zum Winter 2018/19 besseren Situation als neutral einzustufen mit Potential in beide Richtungen.

Kritik: Obwohl die Schneedecke selten hoch war in Sibirien in den letzten Jahren, kam es dennoch zu teilweise massiven Warmings, darunter Major Warmings und sogar einem normalerweise extrem seltenen verfrühten Final Warming. Möglicherweise müssen wir diesen Faktor noch in Zukunft anpassen. Offenbar hat hier die Meereisbedeckung der Barentssee eine immer größere Bedeutung, ebenso wie das immer größere Wärmepotential am Boden auf unserem treibhausgaskochenden Planeten.

Ich empfehle hier, im November vor allem die Meereisbedeckung der Barentssee weiter zu verfolgen, weil die Barentssee im Minimum theoretisch zu mehr Schneefall im Süden sprich Sibirien führt. An den Warmings wird sich letztlich entscheiden, ob der Winter 2019/20 in einer positiven AO mit verfrühter Frühlingsseuchenwärme im Spätwinter enden oder ob ein Major Warming für eiskalte Verhältnisse sorgen wird.

(4) Der Eisgott badet gerne sofetisch! Die Temperaturen des Nordatlantik

Wie wirken die Temperaturen des Nordatlantik sich auf den Winter aus?

Eine Lehre aus dem Winter 2015/16 war, dass man die Oberflächentemperaturen (SST = sea surface temperatures) des Nordatlantik nordöstlich Grönlands nicht unterschätzen darf.
Damals führten kalte Temperaturen bzw. eine Art von Aufspaltung zwischen Warm* und Kalt* durch die Kaltluftbereiche zu einer Stärkung des Jetstreams, dadurch zu einer Stärkung des Polarwirbels und somit zu naturgemäß mildem und feuchtem Atlantikwetter mit einem Reinfall des Winters.

Umgekehrt war der Faktor ein Jahr später im Winter 2016/17 umgekehrt: Ein warmer Atlantik begünstigte die Schwächung des Polarwirbels.
Man kann es also so ausdrücken, dass der launische Eisgott paradoxerweise gerne warm* badet und dann die Kontinente der mittleren Breiten mit seiner Anwesenheit abkühlt 😉

Insbesondere beim Faktor Nordatlantik darf man jedoch nicht vergessen, dass es sich eher um einen akzidentellen Faktor handelt als um einen global Player. Er spielt dann seine Bedeutung aus, wenn auch andere Faktoren in die gleiche Richtung gehen. Wenn beispielsweise die QBO in einer Ostphase sich befindet (wie aktuell), die Schneedecke in Sibirien sich rasch ausbreitet (was momentan nur bedingt der Fall ist), dann kann der Nordatlantik mit einem hoffentlich warmen Temperaturspektrum das Zünglein an der Waage spielen.

Wie sieht die Temperaturlage im Nordatlantik aktuell aus?

Hier gibt es gute Neuigkeiten.
Aktuell sind die SSTs im Nordatlantik an den entscheidenden Positionen definitiv warm*, wie überhaupt die Randarktis rekordwarm ist (während die Kernarktis bis vor kurzem kalt* ist, was Waccy-Effekte bislang erschreckenderweise verhindert - das ändert sich aktuell und prompt scheint eine Kaltphase Ende Oktober zu uns zu gelangen).

Die SSTs im Nordatlantik sind deutlich zu warm und damit günstig für eine Schwächung des Jetstreams (siehe oben rechts violett eingekreister Bereich). © Tropicaltidbits.com.
Die SSTs im Nordatlantik sind deutlich zu warm* und damit günstig für eine Schwächung des Jetstreams (siehe oben rechts violett eingekreister Bereich). © Tropicaltidbits.com.

Natürlich beschränkt sich dieser Faktor Nordatlantik nicht nur auf den Oktober wie beispielsweise die Schneedecke in Sibirien, sondern muss stetig beobachtet werden. Jedes Umkippen in eine Situation mit kalten SSTs stärkt den Polarwirbel und verhindert den Winter.
Die Wahrscheinlichkeit ist angesichts der vermutlich ursächlichen Methanemissionen und die im Gesamtjahr 2019 durch weiter ansteigende Treibhausgase sehr hohen Temperaturwerte sehr hoch, dass diese warmen SSTs über den Winter bestehen bleiben und paradoxerweise zu einer Erhöhung der Kältephasenwahrscheinlichkeiten in Europa führen werden.

Ausblick auf Teil III: Arktische Oszillation, Sonnenflecken und die Klimakatastrophe

Kaltwinterfaktoren, wohin man schaut. Daneben 2 neutrale Faktoren mit der Schneedecke und der ENSO. Das ist überraschend, denn im Grunde bin ich von einem Supermildwinter im Vorfeld der Analysen ausgegangen.
Der dritte und letzte Teil wird darüber befinden, ob die Chancen auf Kaltphasen im Winter 2019/20 tatsächlich so hoch sein werden. Immer daran denken: In Europa kann schon ein einziger Mildwinterfaktor dafür sorgen, dass alle Träume von einem normalen Winter ins Nichts zerstieben!

Dabei betrachten wir in Teil III eine große Bandbreite. Vom Spezialfaktor Arktische Oszillation, die im Oktober den Verlauf des Januars vorherbestimmt über die Bedeutung der Sonne* in ihrem gegenwärtigen Sonnenfleckenzustand bis hin zum übergeordneten Faktor der Klimakatastrophe und der Treibhausgase, sowie natürlich den WACCY-Effekt.

Ist schon jemand so weit, dass er das Bedürfnis hat, verzweifelt zu beten? 😉

So mancher mag im üblichen Glühlingsherbst angesichts so vieler Kaltwinterfaktoren sich bemüssigt fühlen, dem erhofften Ergebnis mit göttlicher Hilfe nachzuhelfen.
So mancher mag im üblichen Glühlingsherbst angesichts so vieler Kaltwinterfaktoren sich bemüssigt fühlen, dem erhofften Ergebnis mit göttlicher Hilfe nachzuhelfen.



Haben Sie Informationen, Erkenntnisse oder Gefühle beim Lesen mitgenommen? Dann würde ich mich nach dem Nehmen über ein Geben sehr freuen. Danke!

Bereit für den Winter 2019/20? Und wehe, Sie kaufen tierquälerisches Streusalz!!